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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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TOKYO GIRLS CLUB – Romanrezension im Falter 40/26

October 1, 2026 Martin Pesl

Eriko und Shoko sind zwei Tokioterinnen um die dreißig. Eine macht Karriere im Berufsleben, die andere ist Hausfrau und bloggt darüber. Das Leben der jeweils anderen erfüllt sie mit Verachtung und Bewunderung. Aufgrund des Erfolg von Asako Yuzukis Gesellschaftsroman „Butter“ kam heuer „Tokyo Girls Club“, ein älterer Roman der Autorin, international auf den Markt. Wörtlich übersetzt hieße der Titel „Der Viktoriabarsch-Frauenclub“, denn als roter Faden dienen Fische allgemein und Hubert Saupers Doku „Darwin’s Nightmare“ im Besonderen.

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In Autor Tags Rezension, Falter, Literatur, Japan

GLUT UND ZWIESPALT – Interview mit Kurō Tanino in der Festwochen-Beilage zum Falter 18/26

June 18, 2026 Martin Pesl

© Patrick Wai

Kurō Taninos Stück „Sleeping Fires“ erzählt von der Rache einer blinden Masseurin in der Edo-Zeit

Zuletzt gastierte der japanische Theatermacher und Psychiater Kurō Tanino vor zwölf Jahren bei den Wiener Festwochen, damals mit dem surrealen Stück „Die Kiste im Baumstamm“. Heuer kehrt er mit einer Geschichte aus Japans Edo-Zeit zurück, jener Friedensperiode vom 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Zwei Figuren sind blind – wie die Frauen, die sie spielen. 

Falter: Herr Tanino, Ihr Stück „Sleeping Fires“ erzählt von der Rache einer blinden Masseurin. Wovon ist die Handlung inspiriert?
Kurō Tanino: Japan hat eine lange Tradition von Rachegeschichten. Dabei geht es nicht einfach um Gewalt, sondern darum, mit den Toten auf eine neue Art in Verbindung zu treten. Der Groll der Figur Sayo lässt niemals nach. Er bricht nicht aus wie ein Vulkan, sondern bleibt irgendwo vergraben und glimmt vor sich hin – wie die Glut. 

„Auf dieser Welt, wo alles falsch ist, gilt nur der Tod.“ Wie steht dieser erste Satz in Bezug zum Rest Ihres Stückes?
Tanino: Er ist ein Ausgangspunkt. Die Figuren verlassen sich auf Dinge wie Liebe, Vertrauen oder die Hoffnung auf Erlösung. Doch das alles droht stets, sich zu verändern oder zusammenzubrechen. Der Tod hingegen zaudert nicht. Er existiert als etwas, vor dem es kein Entkommen gibt. Dieses Stück spielt sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Zuständen ab: dem Leben mit Unsicherheit und dem Wissen ob des Unvermeidlichen. Alle Figuren versuchen, mit diesem Spannungsfeld auf ihre Weise umzugehen.

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In Autor Tags Falter, Interview, Wiener Festwochen, Wien, Festival, Japan

NIEMAND STIRBT SCHÖNER – Nachtkritik von den Wiener Festwochen

June 12, 2026 Martin Pesl

© Ximena y Sergio

Die Regisseurin Angélica Liddell ist fasziniert vom Tod und insbesondere vom Suizid. Ihre neue Arbeit "Seppuku" widmet sie dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima und seinem spektakulären Lebensende.

12. Juni 2026. Japan toll finden, das geht leicht. Insofern hält sich die Originalität in Grenzen, aus der eigenen Besessenheit von der für uns fernst-östlichen aller Kulturen Theater zu machen. Es sei denn, man ist Angélica Liddell. Denn die spanische Performancekünstlerin hat sich von allem Japanischen das Abgründigste ausgesucht, um davon besessen zu sein: Seppuku, auch bekannt als Harakiri, verleiht ihrer neuesten Arbeit den Titel.

Eros und Thanatos

Und es stimmt ja auch: Niemand umarmt den Tod schöner, grausamer, dramatischer als die alten Japaner. Die Anleitung dazu liest anfangs der Performer und Nō-Schauspieler Kazan Tachimoto mit tiefer Stimme und geradezu grotesker Erregung vor. Sie stammt von Yukio Mishima, einem Tokioter Autor (1925–1970), mit dem Liddell die Lust zu sterben teilt – und Lust ist durchaus erotisch gemeint. 1970 nahm sich der Schriftsteller 46-jährig auf genau die Art das Leben, die er immer angekündigt und erträumt hatte.

In einem Bühnenbild aus Elementen eines japanischen Schreins schildert Liddell über den Abend verteilt, was sie alles mit Mishima verbindet. Das Publikum sieht etwa Fotos davon, wie sie 2010 ihre eigene Erhängung vorbereitete, nackt, nur mit einer Unterhose im Kniebereich. Schon in ihrer ersten Performance im Alter von 25 Jahren, berichtet Liddells Stimme vom Band, kam eine Selbstmörderin "à la japonaise" vor, obwohl sie damals mit dem Œuvre Mishimas noch gar nicht vertraut war. Als dieser 1966 seinen Selbstmord in einem Kurzspielfilm thematisierte, befand sich sein Superfan noch im Mutterleib.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Nachtkritik, Japan, Wiener Festwochen, Festival

MÖNCHE MÖGEN'S HEISS – Klassikerrezension in der Buchkultur 211

December 4, 2023 Martin Pesl

Wiedergelesen: Das wichtigste Epos Japans. 750 Jahre hat es gedauert, bis der bekannteste Roman Japans erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. Ein weiteres, bis es zum zweiten Mal geschah.

Sie ist so präzise wie spekulativ, so salbungsvoll wie erbarmungslos. Alle in Japan kennen die Geschichten aus dieser Chronik, die Geistliche ab dem 12. Jahrhundert mündlich überliefert und schließlich vielfach niedergeschrieben haben. Einem Mönch namens Akashi Kakuichi wird jene Fassung des „Heike Monogatari“ zugeschrieben, die heute – unter nie geklärten Streitigkeiten betreffend das letzte Kapitels – als Standard gilt.

Das Buch erzählt vom Aufstieg und Fall der Samurai-Clanfamilie Taira, deren Angehörige auch die Heike genannt werden, im ständigen Kampf gegen die Genji (oder Monamoto), ihre Gegenspieler. In erster Linie ist es eine frühe Dokumentation grassierenden Nepotismus: Während Kaiser zu – immer noch äußerst einflussreichen – Exkaisern werden, erhalten Familienangehörige in der Hauptstadt Kyōto hohe Ämter zur Linken und zur Rechten. Ähnlich den Beschreibungen von Kampfhandlungen und Gelagen in der mittelhochdeutschen Epik wird dies in peniblen Aufzählungen und Namenslisten dargelegt.

Und doch ist das „Heike Monogatari“ (wörtlich: „Die Erzählung von den Heike“) mehr als nur ein Geschichtsbuch. Denn die schier unüberschaubare Menge an Kämpfern und Hofdamen hat auch Gefühle. Die allermeisten von ihnen enden entweder enthauptet oder haben sich mittels Harakiri entleibt, aber nicht, ohne ein aufgrund der Homophonie diverser Schriftzeichen besonders raffiniertes Gedicht zu verfassen oder so herzzerreißend zu wehklagen, dass ihnen vor lauter Tränen „die Ärmel zum Auswringen feucht“ sind.

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In Autor Tags Buchkultur, Rezension, Japan
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