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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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EIN BISSCHEN SPA MUSS SEIN – Nachtkritik aus dem Münchner Volkstheater

October 31, 2026 Martin Pesl

© Gabriela Neeb

In Henrik Ibsens Drama ist das Wasser verseucht, die Wahrheit unbequem und der Bürgermeister ein Manipulator. Regisseurin Sapir Heller landet mit dem Stoff rasant in unserer TV-Talk-Gegenwart. Allerdings ist auf dem Weg dorthin auch etwas nicht ganz Unwesentliches abhanden gekommen.

Es wäre schon schade, wenn das Kurbad schließen müsste. Besonders wegen der Spa-Mäntel, die sehen echt schick und gemütlich aus. Carolin Hartmann hat einen an, als sie vor den geschlossenen Vorhang tritt. In einer launigen Persiflage auf den wohlbekannten „Wenn jemand vor der Vorstellung eine Ansage macht, ist das immer ein schlechtes Zeichen“-Topos gibt die Schauspielerin ein paar Infos zum Abend, schiebt aber die Warnung nach, nicht immer alles zu glauben.

Nun also, dann glauben wir eben nicht. Sapir Heller inszeniert im Münchner Volkstheater eine Farce über den Bedeutungsverlust der Wahrheit. Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ nutzt sie dafür als Ausgangspunkt, den sie aber, wie es scheint, schnellstmöglich hinter sich zu lassen versucht.

Bis zu einem gewissen Grad ist das verständlich: Der offenkundigen Aktualität des Dramas aus 1882 haftet bisweilen etwas Ermüdendes an. Mindestens seit der Erfindung des Begriffs „Fake News“, spätestens seit dem Aufwallen von Klimaschutz und -leugnung und allerspätestens seit Corona entfacht die Figur des Dr. Tomas Stockmann unser tief empfundenes Mitleid: Keime verunreinigen das Wasser im frisch eröffneten städtischen Kurbad, kein Zweifel, das hat Tomas im Chemielabor testen lassen, jetzt soll es in die Zeitung. Nur dreht sein Bruder Peter, der Bürgermeister, den Diskurs zum Thema geschickt so, als übertreibe Tomas in der böswilligen Absicht, die Gemeinde um ihre wertvollste Einkommensquelle zu bringen.

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In Autor Tags Theater, Kritik, München, Nachtkritik

EINE HOSE IST EINE HOSE IST EINE HOSE – Festivalbericht vom steirischen herbst auf Nachtkritik.de

September 28, 2026 Martin Pesl

Ekaterina Degot © Martin Thomas Pesl

Als internationales Festival hat der Steirische Herbst in Graz Bedeutung und Tradition. Seine Zukunft ist hingegen ungewiss. Zu Beginn der vorletzten Ausgabe von Festivalleiterin Ekaterina Degot liefen nun Arbeiten, die inhaltlich klare Punkte setzten.

28. September 2026. Reden gehören eher selten zu den Highlights von Festivals. Der Steirische Herbst in Graz schert hier aus. Ekaterina Degot leitet das Festival seit 2018. Persönliche Gespräche führt die Russin lieber auf Englisch. Die traditionelle Ansprache zur Eröffnung jedoch hält sie auf Deutsch. Dabei spricht sie frei, unter weitgehender Ignoranz des Skripts, das ihre Presseabteilung zuvor mit Sperrfrist an Journalist:innen versandt hat. Mit dem bösesten Humor sagt sie die klügsten Sachen, dabei kommt sie einem vor wie die Nachbarin, die man gerade auf einen Tratsch in der Waschküche getroffen hat.

Dieses Jahr war es besonders lustig. Der Auftakt fand bei gerade aufreißendem Spätsommerhimmel nachmittags auf dem Karmeliterplatz hinter dem Grazer Schauspielhaus statt, vor einem Gebäude der steirischen Volkspartei. Es heißt, dass Ekaterina Degot ihre Rede gern vom dortigen Balkon aus gehalten hätte. Das ging nicht, also nutzte sie das Bühnenbild der Eröffnungsperformance und ließ sich maximal effektvoll mit einem Baulift in die Höhe fahren. Über der Menge schwebend konstatierte sie dann beispielsweise lakonisch – man stelle sich unbedingt den russischen Akzent dazu vor: "Manchmal ist eine Lederhose einfach eine Lederhose."

Festival-Zukunft derzeit ungewiss

Ja, aber manchmal ist derart demonstrativer Patriotismus eben auch ein Warnsignal. "Red Flags" lautet das Motto des steirischen herbst 2026, das stadtweit in Grün und Rot von öffentlichen Verkehrsmitteln und Plakaten prangt. Wie schon vor zwei Jahren, da hieß es "Horror Patriae", versteckt sich die Gefahr dabei in Volkstümelei, falsch verstandenem Traditionsbewusstsein und Geschichtsverzerrung. Der Alarm schlägt keine Sekunde zu früh. Degots Vertrag läuft aus, 2027 leitet sie ihre letzte Ausgabe. Wie es weitergeht, ist ungewiss. Den steiermärkischen Landeshauptmann stellt die rechte FPÖ, die mehr "Volkskultur" will, und die Stadt Graz hat zwar eine sehr beliebte kommunistische Bürgermeisterin, aber absolut kein Geld.

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In Autor Tags Festival, Bericht, Steiermark, Nachtkritik

HEIMAT MIT HAČEK – Nachtkritik aus dem Schauspielhaus Graz

September 27, 2026 Martin Pesl

Ensemble © Lex Karelly

Ich bin wieder da! Ja, schön, aber wo? In Ewe Benbeneks neuem Stück treiben die Figuren in Vielsprachigkeit durch eine Vielvölkerheimat. Von der k.u.k.-Zeit bis in die EU-Gegenwart. Marie Bues realisiert die Uraufführung in einem Get-Together von drei Theatern.

27. September 2026. Die Sprachen der einstigen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie verfügen über einen Laut, auf den sich alle einigen können. Geschrieben wird er unterschiedlich: auf Polnisch "sz", auf Tschechisch und Slowakisch "š", Ungarisch schlicht "s", Deutsch "sch". Sogar ein arabisches Zeichen haben die Muslime in Bosnien zu Zeiten der Donaumonarchie dafür erfunden. Ausgerechnet der Laut also, der zum Schweigen auffordert, schafft Völkerverständigung: eine schöne Erkenntnis aus Ewe Benbeneks neuem Stück – einem Text, der von Buchstaben und Gemeinschaft handelt.

Ein Hoch auf die babylonische Sprachverwirrung

Die Buchstaben bilden das Bühnenbild – auf bunten Bahnen werden sie ausgerollt. Die Gemeinschaft spiegelt sich zuallererst auf der Metaebene: Gleich drei Theater arbeiten hier zusammen. Einer vor zwei Jahren geknüpften Allianz zwischen den Schauspielhäusern Wien und Graz in der Regie von Marie Bues, der künstlerischen Ko-Leiterin des Ersteren, hat sich neu das Budapester Katona József Színház angeschlossen. Jedes Haus entsandte zwei Spieler:innen. Der Text wurde ins Ungarische übersetzt, die Uraufführung (im Partnerprogramm des steirischen herbst) zelebriert babylonische Sprachverwirrung – nicht nur im Titel "ФielföلkaŠtát".

Ewe Benbenek, preisdekoriert für "Tragödienbastard" (2020) und "Juices" (2023), wurde in Polen geboren und kam mit ihren Eltern als Kleinkind nach Deutschland. Ähnlich geht es jener in Du-Form angesprochenen Figur, die man noch am ehesten als Protagonistin des aktuellen Werks bezeichnen kann. Sophia Löffler (Team Wien) spielt dieses namenlose Kind von Migrant:innen. Ziellos reist sie durch die ehemaligen Kronländer und kritisiert pointiert die Ignoranz des Tourismus (wer noch nie in Prag auf Junggesell:innenabschied war, werfe den ersten Stein). In SMS tauscht sie sich mit dem besorgten Vater (Tim Breyvogel, Graz) aus, der auf ein "Ich bin wieder da" hin fragt, wo das denn eigentlich sei.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Nachtkritik, Steiermark, Ungarn, Wien

BEFREIUNGSSCHLAG AUF EX – Nachtkritik von den Bregenzer Festspielen

August 13, 2026 Martin Pesl

© Dietmar Mathis

Natalie Baudy gewann im vergangenen Jahr den Preis der Österreichischen Theaterallianz. Jetzt wurde ihr Stück "under the influence" uraufgeführt. Im Zentrum stehen drei Nachbarinnen, die Hangover-gezeichnete Göttin Dionysa und eine Parabel gegen das Trinken, die eine überraschende Wendung nimmt.

13. August 2026. Im Loop spielt es "Bitch Habit" von April March, während das Publikum im Bregenzer Theater Kosmos eintröpfelt. Dazu läuft ein Videovorspann als Ersatz für die geradezu Tennessee-Williams-haft ausführliche Szenenbeschreibung, die Natalie Baudy ihrem Stück "under the influence" vorangestellt hat. Von drei Wohnungen im siebten Stock hat Regisseur und Bühnenbildner Josef Maria Krasanovsky nur Türrahmen und verflieste Ästhetik übriggelassen. Der graue Lichthof und die biblischen Plagen, die unablässig darauf niederregnen – Würmer, Insekten, Blut und was noch alles –, bleiben Abstraktionen in Dominika Kalchers filmischen Collagen.

Die Autorin, 1990 geboren, ist derzeit als Dramaturgin am Schauspiel Erlangen beschäftigt. Mit ihrem Stück "under the influence" gewann Natalie Baudy 2025 den Preis der Österreichischen Theaterallianz. Drei der sieben freien Mittelbühnen, die diesem Zusammenschluss angehören, koproduzieren nun die Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen, auch die anderen vier werden sie vermutlich früher oder später als Gastspiel zeigen.

Feiern was das Zeug hält

Motto des alle zwei Jahre ausgeschriebenen Wettbewerbs war "Tanz auf dem Vulkan – Feiern gegen den Abgrund", was erklärt, wie Dionysos in dieses Wohnhaus kommt, der Gott des Rausches, des Weins und des Überflusses – falsch: die Göttin, Tochter des Zeus (das mit dem Sohn war ein Übersetzungsfehler). Lisa Schrammel gibt sie wie den personifizierten Hangover, noch im kleinen Schwarzen, aber schon mit zerzauster Frisur und dunkler Brille. Dionysos ist hier Hausmeisterin und außerdem dafür verantwortlich, dass die drei Nachbarinnen Ems, Anja und Lieselott wegen der Plagen das Gebäude nicht verlassen. Zeit und Ort werden zu einer Einheitssuppe: Auf wessen Sofa sitzen sie eigentlich, und wie lange geht das alles schon?

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In Autor Tags Nachtkritik, Kritik, Theater, Festival, Vorarlberg
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