Aberwitzige Bahnen schwimmt Franziska Wilhelms neuer Roman „Die Geschichte des Fröstelns“.
„Meine Fröstler“, hat Almas Mutter immer zu ihr und ihrem Vater gesagt. Ist ein Raum nicht auf mindestens 27 Grad geheizt, tut dieser Zweig der Familie sich schwer. Auch mit Emotionen: Das mit der Unterkühlung erstreckt sich auf Körper und Seele. Jetzt ist die Mutter gestorben, und Alma, die als Hochbegabte eine Klasse übersprungen hat, geht 17-jährig zum Studieren nach Leipzig. Dort begegnet sie – nicht ganz unabsichtlich – Stephanie, die sie einmal im Hallenbad rettete, nachdem jemand sie ins Wasser gestoßen hatte.
Nicht nur, weil es ums Schwimmen und Erwachsenwerden geht, auch sprachlich und in der Nahbarkeit seiner Figuren strahlt Franziska Wilhelms neuer Roman „Die Geschichte des Fröstelns“ Caroline-Wahl-Vibes aus. Doch halt, nicht gleich naserümpfend das Interesse verlieren! Denn die Wahl-Verwandtschaft stellt sich hier nach einem guten Drittel als komplett falsche Fährte heraus. Es wäre schade, zu viel zu verraten, aber die aberwitzigen Wege, die Wilhelms Erzählung einschlagen, sind absolut unvorhersehbar. Das gilt geografisch – es wird von Leipzig aus über den großen Teich gehen – wie genretechnisch: Wer hätte in diesem menschelnden Coming-of-Age-Roman den Schurkentypus des verrückten Wissenschaftlers erwartet?
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