David Wojnarowicz und seine Straßenmonologe: Erstmals auf Deutsch erscheinen die „Waterfront Journals“, kunstvolle Protokolle von Begegnungen des Malers und späteren AIDS-Aktivisten David Wojnarowicz.
Manchmal ist es beklemmend, wie viele Parallelen zwei Leben aufweisen können. Einige davon waren David Wojnarowicz bekannt, als er die Serie „Rimbaud in New York“ anfertigte, eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotografien, die eine maskierte Gestalt im Big Apple zeigt. Die Maske zeigt das Gesicht von Arthur Rimbaud, dem französischen Dichter. Er wurde hundert Jahre (minus etwa fünf Wochen) vor Wojnarowicz geboren, wie jener war er schwul und beschloss mit 15, sich im Sinne der Kunst von der schnöden Alltagswelt zu verabschieden. Verarmt lebte er auf der Straße.
Auch Wojnarowicz zog es in jungen Jahren weg vom – in seinem Falle ohnehin desaströsen –Familienleben. Von 1971 bis 1973 verbrachte er seine Tage und Nächte an der Waterfront von Brooklyn, verkaufte seinen Körper, erlebte viel sexuelle Gewalt und sprach mit anderen gesellschaftlich Ausgestoßenen, die ähnlich Aberwitziges zu berichten hatten. Mit 28 veröffentlichte er einige dieser aufgeschnappten Monologe, jeweils kunstvoll in Kapitel von wenigen Seiten gegossen, unter dem Titel „Sounds in the Distance“. Erst 1997, fünf Jahre nach dem AIDS-Tod des bis dahin berüchtigten bildenden Künstlers wurden die Texte neu sortiert und als „The Waterfront Journals“ herausgegeben.
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