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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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HEIMAT MIT HAČEK – Nachtkritik aus dem Schauspielhaus Graz

September 27, 2026 Martin Pesl

Ensemble © Lex Karelly

Ich bin wieder da! Ja, schön, aber wo? In Ewe Benbeneks neuem Stück treiben die Figuren in Vielsprachigkeit durch eine Vielvölkerheimat. Von der k.u.k.-Zeit bis in die EU-Gegenwart. Marie Bues realisiert die Uraufführung in einem Get-Together von drei Theatern.

27. September 2026. Die Sprachen der einstigen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie verfügen über einen Laut, auf den sich alle einigen können. Geschrieben wird er unterschiedlich: auf Polnisch "sz", auf Tschechisch und Slowakisch "š", Ungarisch schlicht "s", Deutsch "sch". Sogar ein arabisches Zeichen haben die Muslime in Bosnien zu Zeiten der Donaumonarchie dafür erfunden. Ausgerechnet der Laut also, der zum Schweigen auffordert, schafft Völkerverständigung: eine schöne Erkenntnis aus Ewe Benbeneks neuem Stück – einem Text, der von Buchstaben und Gemeinschaft handelt.

Ein Hoch auf die babylonische Sprachverwirrung

Die Buchstaben bilden das Bühnenbild – auf bunten Bahnen werden sie ausgerollt. Die Gemeinschaft spiegelt sich zuallererst auf der Metaebene: Gleich drei Theater arbeiten hier zusammen. Einer vor zwei Jahren geknüpften Allianz zwischen den Schauspielhäusern Wien und Graz in der Regie von Marie Bues, der künstlerischen Ko-Leiterin des Ersteren, hat sich neu das Budapester Katona József Színház angeschlossen. Jedes Haus entsandte zwei Spieler:innen. Der Text wurde ins Ungarische übersetzt, die Uraufführung (im Partnerprogramm des steirischen herbst) zelebriert babylonische Sprachverwirrung – nicht nur im Titel "ФielföلkaŠtát".

Ewe Benbenek, preisdekoriert für "Tragödienbastard" (2020) und "Juices" (2023), wurde in Polen geboren und kam mit ihren Eltern als Kleinkind nach Deutschland. Ähnlich geht es jener in Du-Form angesprochenen Figur, die man noch am ehesten als Protagonistin des aktuellen Werks bezeichnen kann. Sophia Löffler (Team Wien) spielt dieses namenlose Kind von Migrant:innen. Ziellos reist sie durch die ehemaligen Kronländer und kritisiert pointiert die Ignoranz des Tourismus (wer noch nie in Prag auf Junggesell:innenabschied war, werfe den ersten Stein). In SMS tauscht sie sich mit dem besorgten Vater (Tim Breyvogel, Graz) aus, der auf ein "Ich bin wieder da" hin fragt, wo das denn eigentlich sei.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Nachtkritik, Steiermark, Ungarn, Wien

ENDGEGNER PUBLIKUM – Bericht aus dem Theater in der Josefstadt im der Freitag 38/26

September 19, 2026 Martin Pesl

© Philine Hofmann

Neustart nach 20 Jahren: Intendantin Marie Rötzer will das traditionsreiche Theater in der Josefstadt modernisieren – und muss dabei vor allem die Zuschauer:innen mitnehmen

Menschen in Deutschland, erst recht in Berlin, das Theater in der Josefstadt zu erklären, ist gar nicht leicht. Oder doch: Das drittgrößte Schauspielhaus in Wien, benannt nach dem Stadtbezirk, in dem es steht, repräsentiert so ziemlich das Extrem dessen, was österreichische Theaterleidenschaft von deutscher unterscheidet: das Publikum.

„Dieses Theater ist 1788 wirklich aus dem Volk heraus gegründet worden“, erklärt Marie Rötzer, Direktorin seit der gerade begonnenen Spielzeit. Bis heute betrachten die Besucher:innen „die Josefstadt“ als ihr Theater, ihr Eigentum geradezu, „ihr Zuhause“, wie Rötzer es nennt. Sie interessieren sich weniger für Themen als für Geschichten, sie wollen nicht so sehr geistig herausgefordert wie sinnlich bewegt werden. 

„Gleichzeitig ist die Josefstadt auch ein großes Literaturtheater“, so die gebürtige Niederösterreicherin weiter. „Immer schon seit Johann Nestroy und Ferdinand Raimund haben sich hier österreichische Autoren selbst in ihre Stücke geschrieben und auf der Bühne gestanden. Auch die jüdische Geschichte des Hauses spielt eine große Rolle.“ Insbesondere prägte vor gut hundert Jahren die Schauspielerfamilie Thimig das Haus, in die auch der legendäre Regisseur Max Reinhardt einheiratete. Auch Reinhardt, Mitgründer der Salzburger Festspiele, arbeitete in der Zwischenkriegszeit viel im Theater in der Josefstadt.

Tradition als wichtigste Erfolgsgrundlage: für eine neue Intendantin eine durchaus schwierige Ausgangssituation. Besonders, wenn ihr Vorgänger unglaubliche zwanzig Jahre lang im Amt war. Der Schauspieler und Regisseur Herbert Föttinger übernahm die künstlerische Leitung 2006. Zuvor war Helmuth Lohner, ein ehemaliger Direktor, notdürftig für zwei Jahre ins Amt zurückgekehrt, weil der Regisseur Hans Gratzer die Leitungsposition niedergelegt hatte. Grund waren interne Unstimmigkeiten, aber auch, dass sein Programm keinen Anklang fand. Nur eine Spielzeit, und weg war er – Josefstadt-Fans sind unerbittlich.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Bericht, der Freitag, Josefstadt, Wien

KÖNIG KILLEN LEICHT GEMACHT – Kritik aus dem Volkstheater Wien im Falter 38/26

September 17, 2026 Martin Pesl

© Marcella Ruiz Cruz

Am Volkstheater macht Regisseurin Rieke Süßkow aus Shakespeares „Macbeth“ zum Saisonauftakt ein Computerspiel

Dem Feldherrn Macbeth wird vorhergesagt, er werde König von Schottland. Angestachelt von seiner Frau tötet er den aktuellen Regenten und setzt sich dessen Krone auf. Doch Schuldgefühle treiben das Paar in den Wahnsinn.

„Macbeth“ gilt als kürzeste Shakespeare-Tragödie. Da passt es ganz gut, dass Rieke Süßkows einstündige Inszenierung vermutlich der kürzeste Abend ist, mit dem das Volkstheater je eine neue Spielzeit eröffnet hat. Es ist die zweite unter Direktor Jan Philipp Gloger. Die erste geriet höchst erfolgreich, dank eines Programms, das insgesamt darauf aus war, zu gefallen.

Indem Gloger nun den Saisonstart seiner Hausregisseurin überlässt, zeigt er, dass er auch Sperriges schätzt. Süßkow liebt die Verfremdung, sucht für jeden Stoff eine eigene Form. So ist diese Inszenierung, obwohl sie mit einer gängigen Übersetzung arbeitet, eine „nach William Shakespeare“.

Das Setting überrascht zunächst, leuchtet dann aber sehr schnell ein: Zwei Menschen treffen sich online, um Computerspiele auszuprobieren. Sie (Karoline Reinke) ist offenbar Soldatin im Dienst, er (Nicolas Frederick Djuren) wohnt dem Umfeld nach zu schließen noch in seinem alten Kinderzimmer. Bühnenbildnerin Mirjam Stängl hat ihre jeweiligen Aufenthaltsorte am linken beziehungsweise rechten Bühnenrand detailreich ausgestaltet.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Falter, Wien, Volkstheater, Shakespeare, Krieg

WIEDERGELESEN: UNGEREIMTHEITEN – Klassikerrezension in der Buchkultur 227

September 8, 2026 Martin Pesl

Homer und sein frisch verfilmtes Epos: Rechtzeitig zum Start von Christopher Nolans „Odyssee“-Film erschien eine Schmuckausgabe auf Deutsch. Die bietet einige Überraschungen und sieht gar nicht aus wie ein Versepos.

Da spielen ja gar keine alten Griechen mit! Die Rüstungen: halbwegs akkurat, aber nicht perfekt. Und wie die daherreden, das würde ja mehr wie Ithaca, New York, klingen als wie Ithaka, die altgriechische Heimat des altgriechischen Helden Odysseus, seiner Frau Penelopeia und seines Sohnes Telemachos!

Ziemlich harte Kritik, die Christopher Nolans programmierten Hit „The Odyssey“ traf, lange bevor er die Kinos diesen Sommer tatsächlich erreichte – fast, als hätte Nolan sich an einer historischen Begebenheit vergriffen und nicht eine fantasievolle Sage mit einäugigen Riesen und in Schweine verwandelten Reisenden bebildert. Am lautesten war der Aufschrei von gewisser Seite erwartungsgemäß, als bekannt wurde, dass eine Person of Color Helena spielen würde, irdische Gewinnerin eines göttlichen Schönheitswettbewerbs, in dessen Folge der Trojanische Krieg überhaupt ausbrach.

Aber erstens ist Lupita Nyong’o nun einmal die schönste Frau der Welt, da kann man halt nichts machen, und zweitens spielt Helena in Homers „Odyssee“ eh keine besonders große Rolle mehr, woran – unter anderem – die Neulektüre von Karl Ferdinand Lempps Prosaübertragung aus 1985 erinnert. Noch eine Überraschung bietet das Werk, das der Insel Verlag kürzlich „in neuem Glanz“ als Schmuckausgabe mit Motiv-Farbschnitt präsentiert hat: Die Irrfahrten des Odysseus, die Odyssee innerhalb der „Odyssee“ also, nehmen kaum mehr als vier der 24 Gesänge ein. Der Rest beschäftigt sich zuerst mit den Göttern, die über das Schicksal des tapferen Kämpfers beraten, und mit dem Chaos, das in dessen Abwesenheit daheim vonstatten geht.

Weiterlesen in der Buchkultur 227

In Autor Tags Rezension, Literatur, Buchkultur
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