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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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FAZIT – KULTUR VOM TAGE – Kritik von den Salzburger Festspielen auf Deutschlandfunk Kultur

August 16, 2026 Martin Pesl

© SF/Arno Declair

Auftrag

Kritik der Premiere „Unter Tieren“ im Gespräch mit Eckhard Roelcke

Auftraggeber

Deutschlandfunk Kultur

Projektinfo

Die Wege des Geldes sind unergründlich. Für manche führen sie zielstrebig bergauf, für andere erweisen sie sich als Sackgasse oder als Pfad in Richtung Prekariat. Alternative Routen existieren anscheinend nicht: Geld regiert die Welt und uns und unser Leben und deshalb bleibt ihm Elfriede Jelinek als Chronistin und Kassandra hartnäckig und folgerichtig auf den Fersen – und manchmal ist sie ihm auch ein paar entscheidende Schritte voraus.

Jelineks jüngstes Drama Unter Tieren holt weit aus und zielt dabei treffgenau in die Untiefen unserer verlogenen und ideell ausgehöhlten Gesellschaftswelt. Von der Bibel bis zu René Benko wird nichts ausgelassen: Es geht um unstillbare Raffgier, um phrasendreschende Politiker und Wirtschaftsbosse, um geheuchelte Systemkritik und um Begriffe wie soziale Gerechtigkeit oder Chancengleichheit, die mittlerweile nur noch Worthülsen zu sein scheinen. Es geht um menschliche Käuflichkeit und um unverschämte, skrupellose Korruption. Und natürlich um eine scheinbar nicht kleinzukriegende Rüstungs­industrie, um Kriege, um Geld verschlingende, mörderische Kriege.

Wir leben in einer trotz ihrer Dysfunktionalität erstaunlich resilienten Wirtschafts- und Finanzwelt, die immer mehr auf den Hund kommt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Elfriede Jelinek die unendliche Geschichte des Mammons aus der Sicht von Tieren erzählt. Immer verständnisloser, dafür mit wachsendem Sarkasmus quieken, muhen, gurren und brummen hier Bären, Kühe, Schweine, Tauben, das Lamm Gottes oder auch der „Für und Widder“ und erzählen uns Menschen von „Notaren, die nichts notieren, Wirtschaftsprüfern, die nichts prüfen, Anwälten, die nicht walten, Wandelanleihen, die nicht wandeln, und Zinsen für laufende Kredite, die nicht rechtzeitig davongelaufen sind“.

Unter Tieren ist ein Stück darüber, wie wir konsequent an unserem selbstverschuldeten Unglück arbeiten. Wir weigern uns, unsere Lektion zu lernen und rasen wider besseres Wissen sehenden Auges in die Apokalypse des Kapitalismus. Denn klar ist in Unter Tieren: Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es nicht richten.

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die im Jahr 2026 ihren 80. Geburtstag begeht, beweist mit diesem Stück erneut, dass sie die bedeutendste deutschsprachige Dramatikerin ist. Ihre künstlerische und politische Radikalität hat die Theaterlandschaft für immer revolutioniert. Es gibt nur wenige Regisseur·innen, mit denen sie so kontinuierlich und erfolgreich gearbeitet hat wie mit Nicolas Stemann – und so zeichnet dieser nun auch für die Urauf­führung von Unter Tieren verantwortlich.

Fazit – Kultur vom Tage
Moderation: Eckhard Roelcke
Sonntag, 16. August 2026, 23:05 Uhr, Deutschlandfunk Kultur

Nicolas Stemann inszeniert in Salzburg Jelineks "Unter Tieren"
Deutschlandradio Kultur
In Sprecher Tags Theater, Kritik, Festival, Burgtheater, Salzburg, Jelinek, Tier

KULTUR HEUTE – Kritik aus dem Volkstheater Wien im Deutschlandfunk

January 26, 2025 Martin Pesl

Lavinia Nowak, Annika Meier © Marcel Urlaub/Volkstheater

„Eine Art Arztpraxis, die aber in eine wilde Heidelandschaft übergeht.“ So schreibt Elfriede Jelinek die Szenerie im ersten Akt ihres frühen Stückes „Krankheit oder Moderne Frauen“ vor. Und tatsächlich rotiert auf der grellroten Drehbühne ein Gynäkologiestuhl herein, dahinter hängt ein Landschaftsgemälde. Ein aberwitziges Geschehen wird hier seinen Lauf nehmen, über Vampirismus und Häuslichkeit, Männer- und Frauensolidarität. Doch anders als im Text vorgesehen, eröffnet Claudia Bauer ihre Inszenierung nicht mit der Verlobung des Frauen- und Zahnarztes Doktor Heidkliff mit der Krankenschwester Emily.  

Erst darf sich im Orchestergraben der Wiener Schmusechor einsingen. Dann erklingen, gesprochen von Nick Romeo Reimann in Gestalt eines komplett weiß geschminkten und gekleideten Clowns, ganz grundsätzliche Worte der Autorin zum Theater. Sie stammen aus ihrem Essay „Ich möchte seicht sein“, der etwa zeitgleich mit dem Drama entstand.

Conférencier: Ich will nicht spielen und auch nicht anderen dabei zuschauen. Wie entfernen wir diese Schmutzflecken Schauspieler aus dem Theater? Sperren wir sie einfach aus!

Doch die Schauspieler werden nicht ausgesperrt, im Gegenteil, sie erobern die Bühne und machen ein Fest aus der bissigen Satire.

Weiterhören:

Kultur heute
Moderation: Doris Schäfer Noske
Sonntag, 26. Januar 2025, 17:30 Uhr
Deutschlandfunk

"Krankheit oder moderne Frauen" - Jelineks Sprachexzess am Volkstheater Wien
Deutschlandfunk
In Autor, Sprecher Tags Deutschlandfunk, Theater, Kritik, Volkstheater, Wien, Jelinek

FRAUCHEN IS A BISSL BISSIG – Nachtkritik aus dem Volkstheater Wien

January 25, 2025 Martin Pesl

Nick Romeo Reimann © Marcel Urlaub/Volkstheater

Vor 35 Jahren provozierte dieses Jelinek-Stück einen Angriff auf die damalige Volkstheater-Direktorin. Nun schickt Claudia Bauer einen Schmusechor auf die Bühne, um die alten Wunden zu heilen. Auch Elfriede Jelinek selbst hat einen Auftritt. So hat man sie noch nicht erlebt.

25. Januar 2025. Elfriede Jelinek und der Wiener Schmusechor, das ist doch eine überraschende Paarung. Sie: niemals kuschlig, er: zum Dahinschmelzen lieb. Die Neujahrskonzerte der etwa 50-köpfigen Truppe von Dirigentin Verena Giesinger im Wiener Volkstheater waren ausverkauft und dem Vernehmen nach geradezu magisch.

Nun sind Giesinger und einige ihrer Sänger:innen hierher zurückgekehrt, um ausgerechnet ein Stück der bissigen Nobelpreisträgerin klanglich zu untermalen. In eleganten Abendkleidern (auch die männlich gelesenen Mitglieder) nehmen sie anfangs im Orchestergraben Platz und stimmen auf Claudia Bauers Inszenierung von "Krankheit oder Moderne Frauen" ein. Schon 1990 lief dieses Stück als eine der ersten Jelineks auf der großen Volkstheater-Bühne. Ein Mann griff deshalb die damalige Direktorin Emmy Werner auf der Straße an und wollte sie würgen.

Der Beginn des Kalauerns

Jelineks Werke waren schon harte Brocken, bevor sie zur tagesaktuellen Textfläche überging. Es gibt zwar Figuren, aber die reden kaum miteinander, stoßen eher frontal Selbstbeschreibungen in einer bereits schleichend vom Kalauervirus befallenen Sprache aus. Hier sind dies der Gynäkologe/Zahnarzt Heidkliff und seine Arzthelferin/Verlobte Emily, die schriftstellerische Ambitionen hegt und außerdem Vampirin ist, sowie der Steuerberater Hundekoffer samt schwangerem Hausmütterchen Carmilla. Letztere wird im Zuge ihrer sechsten Geburt von Emily untot gebissen und zu deren Geliebter.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Nachtkritik, Volkstheater, Wien, Jelinek

DIE GROSSE KÖCHIN ELFRIEDE – Nachtkritik aus dem Werk X

April 28, 2023 Martin Pesl

Franck Edmond Yao © Alex Gotter

Der serbische Regisseur Miloš Lolić und die ivorisch-deutsche Theatertruppe Gintersdorfer/Klaßen bringen österreichische Elfriede-Jelinek-Erstaufführungen auf die Bühne und verwickeln die Texte der Literaturnobelpreisträgerin dabei in komplexe Seilschaften oder spielen mit ihnen Tennis. Aber kommt es auch zum Matchball?   

28. April 2023. Mit Ende der Spielzeit übergeben Ali M. Abdullah und Harald Posch die Leitung des von ihnen so benannten Werk X in Wien-Meidling an Esther Holland-Merten. Die Website zeigt einen Countdown, und gegangen werden soll mit einem Knall. So weit, so klar, kompliziert wird’s jetzt: Kurz vor Saisonabschluss steht ein Elfriede-Jelinek-Marathon an, der Literaturnobelpreisträgerin war das Haus seit jeher zugetan. Vier jeweils maximal einstündige Inszenierungen werden am 13. Mai zu sehen sein. Premiere werden sie aber schon vorher gehabt haben, eine am 10., eine am 4. Mai und die ersten beiden am 27. April. Ein Knall in Etappen.

Faschingsparty der Systemrelevanten

Der serbische Regisseur Miloš Lolić versteht zwar kein Deutsch, aber nach Arbeiten in Frankfurt und Wien einiges von Jelinek. Er macht den Auftakt mit der österreichischen Erstaufführung von "Aber sicher! (Eine Fortsetzung)", einem auch schon zehn Jahre alten Appendix zu den legendären "Kontrakten des Kaufmanns". Um Bankenrettungen und Versicherungen geht es da, um Ödipus und den Finanzkapitalismus.

Mit Wäschesäcken ausgestattet, betreten nacheinander die Spieler:innen den Raum. Kaum haben die Münder begonnen, Jelineks typische Assoziationsketten frontal dem Publikum hinzustellen ("sprech und sprech und sprech so dahin"), starten auch die Restkörper in rastlose Rituale: Die Umzüge kaskadieren wie die Worte, Uniformen werden an- und wieder ausgezogen, Polizei, Feuerwehr, Müllabfuhr – eine Faschingsparty der Systemrelevanten.

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In Autor Tags Kritik, Nachtkritik, Theater, Wien, Jelinek
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