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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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GOD TOLD ME TO – Romanrezension in der Buchkultur 227

August 19, 2026 Martin Pesl

Biblisch: Jonas Eikas neuer Roman „Offener Himmel“ ist seitenstark und fantastisch.

Sie haben es sich nicht leicht gemacht: Die Beginen waren eine Gruppe von Frauen in Europa ab dem Mittelalter, die sich gegen die Kirche auflehnten. Es lag nicht etwa daran, dass sie nicht an Gott glaubten, im Gegenteil: Sie beteten, lebten keusch und verweigerten jeden Besitz. Dabei aber legten die Beginen großen Wert darauf, nach ihren eigenen Regeln vorzugehen und sich weder von weltlichen noch von kirchlichen Institutionen vereinnahmen zu lassen.

Auf über 600 Seiten hat sich nun Jonas Eika mit den Bewohnerinnen mehrerer Beginenhöfe nahe Lüttich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts befasst. Eika, preisgekrönt für „Nach der Sonne“ (2019), fuchst sich tief in die Befindlichkeiten, Praktiken und Umgangsformen der Frauen hinein. Die Sprache des Romans – von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat aus dem Dänischen sauber in ein biblisch anmutendes Deutsch übertragen – vermittelt dabei stets eine unterschwellige Erotik, die sich gleichermaßen auf Jesus richtet wie auf die eine oder andere Beginenschwester.

Weiterlesen in der Buchkultur 227

In Autor Tags Buchkultur, Rezension, Literatur

FREUD! MEIN SCHWARZER TEUFEL – Interview mit Gioia Osthoff und Devid Striesow im Katalog von BOW Production

August 19, 2026 Martin Pesl

© Nils Schwarz

Martin Thomas Pesl: Wie habt ihr einander kennengelernt und seid auf die Idee gekommen, diese Briefe zusammen zu lesen?

Gioia Osthoff: Ich war auf der Suche nach einer spannenden Vater-Tochter-Beziehung, ein Thema das mich persönlich gerade bewegt. Als mir der Briefwechsel zwischen Sigmund und Anna Freud in die Hände fiel, hat mich dieser Stoff sofort gefesselt. Anna Freud, eine große Persönlichkeit, die so oft hinter diesem großen Vater verschwindet. Ich fragte mich: wie ist es eigentlich, wenn man die Tochter Sigmund Freuds ist? So fing ich an zu recherchieren und verbrachte viele Stunden im Sigmund Freud Museum in Wien. Ihr Weg als Pionierin ist wahnsinnig spannend, einerseits die totale Emanzipation und andererseits ist ihr Weg doch nicht ohne diesen Übervater zu denken. Mit dem Fokus auf diese Beziehung machte ich dann die Fassung zu unserem Abend und ich freue mich sehr, dass ich Devid dafür begeistern konnte.

Pesl: Das heißt, Devid, du warst von Anfang an mit einem bestimmten Rollenverständnis von Sigmund Freud konfrontiert, da Gioia die Fassung gemacht hat. Wie nimmst du ihn wahr?

Devid Striesow: Er ist eine sehr ambivalente Figur, das macht den Reiz dieser Texte aus. Erst letzten Herbst habe ich eine Vater-Tochter-Geschichte abgedreht: „Vaterland“. In diesem Film macht Erika Mann mit Thomas Mann eine fiktive Reise, da wird auch über Exil und aber eben auch eine Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Das ist natürlich nicht so tiefgründig wie die Briefe von Freud, aber das Thema war für mich bereits mehrere Wochen lang präsent gewesen. Und dann kam Gioia halt um die Ecke mit diesem Freud-Thema! Davon abgesehen liebe ich diese Vorlesesituation. Ein oder zwei Menschen treten vor viele andere Menschen und lesen ihnen etwas vor. Diese vielen Menschen sind gekommen, weil sie wissen, da wird ihnen etwas vorgelesen. Das erzeugt eine ganz besondere Stimmung, eine Spannung. Und ich finde, dieses Sujet Freud hat das Zeug dazu, die Leute zum Nachdenken anzuregen und eine tolle Geschichte zu erzählen. Wie gesagt, diese Figur ist von einer großen Ambivalenz geprägt. Reisen, Heimatlosigkeit, Exil, Umbrüche in der Gesellschaft, Verlust – diese Themen machen den Stoff für mich wahnsinnig aktuell und spannend.

Weiterlesen im Katalog von BOW Production (Juni 2026)

In Autor Tags Interview, Lesung, BOW

DOCH NOCH SCHWEIN GEHABT IN SALZBURG – Doppelkritik von den Salzburger Festspielen im Falter 34/26

August 19, 2026 Martin Pesl

© Ole Lagerpusch (links) und André Szymanski SF/Armin Smailovic

Bei den Salzburger Festspielen bringt das Schauspielprogramm zwei Großereignisse: ein erwartetes und eine Überraschung

Es konnte nur besser werden, und es wurde viel besser. Für den manierierten „Faust“ und die prätentiösen Uraufführung des neuen Textes von Peter Handke entschädigten die letzten Premieren des Schauspielprogramms bei den Salzburger Festspielen vollends. In beiden Fällen durften Regieteams ans Werk, die Lust am Experiment hatten.

Im Falle von „Unter Tieren“ erfolgte das Spektakel mit Ansage. Das angeblich letzte Theaterstück der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek handelt von Tieren, die mit Begriffen rund um Geld und Wirtschaft hantieren. Regisseur Nicolas Stemann erklärte im Vorfeld, er werde mit Band und siebenköpfigem Ensemble eine knapp vierstündige „Textumsetzungsmaschine“ auffahren. Einen Teil inszeniere eine KI, und vielleicht käme eine Live-Schaltung zum Milliardär Peter Thiel zustande.

Ein gelungener Witz, der auf den Skandal bei den heurigen Wiener Festwochen anspielte und mediale Aufmerksamkeit erzeugte. Thiel war natürlich nicht wirklich eingeladen, dafür gab eine bewusst schlechte KI-Animation seines Konterfeis ein Interview und rezitierte ein paar Zeilen Jelinek. Darüber hinaus ist „Unter Tieren“ das Happening geworden, als das es angekündigt wurde. Kaum ein künstlerisches Mittel wird gescheut, um den wortspielfreudigen Jelinek-Text zu feiern, aber auch zu fordern.

Weiterlesen im Falter 34/26

In Autor Tags Falter, Theater, Kritik, Festival, Salzburg

FAZIT – KULTUR VOM TAGE – Kritik von den Salzburger Festspielen auf Deutschlandfunk Kultur

August 16, 2026 Martin Pesl

© SF/Arno Declair

Auftrag

Kritik der Premiere „Unter Tieren“ im Gespräch mit Eckhard Roelcke

Auftraggeber

Deutschlandfunk Kultur

Projektinfo

Die Wege des Geldes sind unergründlich. Für manche führen sie zielstrebig bergauf, für andere erweisen sie sich als Sackgasse oder als Pfad in Richtung Prekariat. Alternative Routen existieren anscheinend nicht: Geld regiert die Welt und uns und unser Leben und deshalb bleibt ihm Elfriede Jelinek als Chronistin und Kassandra hartnäckig und folgerichtig auf den Fersen – und manchmal ist sie ihm auch ein paar entscheidende Schritte voraus.

Jelineks jüngstes Drama Unter Tieren holt weit aus und zielt dabei treffgenau in die Untiefen unserer verlogenen und ideell ausgehöhlten Gesellschaftswelt. Von der Bibel bis zu René Benko wird nichts ausgelassen: Es geht um unstillbare Raffgier, um phrasendreschende Politiker und Wirtschaftsbosse, um geheuchelte Systemkritik und um Begriffe wie soziale Gerechtigkeit oder Chancengleichheit, die mittlerweile nur noch Worthülsen zu sein scheinen. Es geht um menschliche Käuflichkeit und um unverschämte, skrupellose Korruption. Und natürlich um eine scheinbar nicht kleinzukriegende Rüstungs­industrie, um Kriege, um Geld verschlingende, mörderische Kriege.

Wir leben in einer trotz ihrer Dysfunktionalität erstaunlich resilienten Wirtschafts- und Finanzwelt, die immer mehr auf den Hund kommt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Elfriede Jelinek die unendliche Geschichte des Mammons aus der Sicht von Tieren erzählt. Immer verständnisloser, dafür mit wachsendem Sarkasmus quieken, muhen, gurren und brummen hier Bären, Kühe, Schweine, Tauben, das Lamm Gottes oder auch der „Für und Widder“ und erzählen uns Menschen von „Notaren, die nichts notieren, Wirtschaftsprüfern, die nichts prüfen, Anwälten, die nicht walten, Wandelanleihen, die nicht wandeln, und Zinsen für laufende Kredite, die nicht rechtzeitig davongelaufen sind“.

Unter Tieren ist ein Stück darüber, wie wir konsequent an unserem selbstverschuldeten Unglück arbeiten. Wir weigern uns, unsere Lektion zu lernen und rasen wider besseres Wissen sehenden Auges in die Apokalypse des Kapitalismus. Denn klar ist in Unter Tieren: Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es nicht richten.

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die im Jahr 2026 ihren 80. Geburtstag begeht, beweist mit diesem Stück erneut, dass sie die bedeutendste deutschsprachige Dramatikerin ist. Ihre künstlerische und politische Radikalität hat die Theaterlandschaft für immer revolutioniert. Es gibt nur wenige Regisseur·innen, mit denen sie so kontinuierlich und erfolgreich gearbeitet hat wie mit Nicolas Stemann – und so zeichnet dieser nun auch für die Urauf­führung von Unter Tieren verantwortlich.

Fazit – Kultur vom Tage
Moderation: Eckhard Roelcke
Sonntag, 16. August 2026, 23:05 Uhr, Deutschlandfunk Kultur

Nicolas Stemann inszeniert in Salzburg Jelineks "Unter Tieren"
Deutschlandradio Kultur
In Sprecher Tags Theater, Kritik, Festival, Burgtheater, Salzburg, Jelinek, Tier
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