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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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KULTUR HEUTE – Radiokritik aus dem Burgtheater im Deutschlandfunk

October 17, 2026 Martin Pesl

© Tommy Hetzel

Muhen, Unruhe, Lachen. Darüber Off-Text: 

Da ist eine Kuh im Burgtheater! Keine echte natürlich. Zwei Personen stecken in einem Kostüm und zwängen sich durch die Publikumsreihen. Amüsant umständlich ist das und gibt einigen Zuschauenden die Möglichkeit, ein falsches Tier zu streicheln. Mit Ach und Krach schaffen es die beiden auf die Bühne, legen ihre Kuhhaut ab – und stellen sich als die Stars des Abends heraus: Stefanie Reinsperger als Vater Ubu und Sebastian Wendelin als Mutter Ubu in Alfred Jarrys Kultgroteske aus dem späten 19. Jahrhundert.

VATER UBU: Schreiße.

Dem eingebauten „r“ zum Trotz sorgte das allererste Wort des Stückes bei der Uraufführung für Tumulte. Heute erwartet man nichts anderes, zumal von einer Stefanie Reinsperger, die sich mit Wiener Zunge und Mut zur Derbheit seit ihrer Rückkehr an die Burg aus Berlin in die Herzen des Publikums gespielt hat. Stefan Bachmann weiß das gut einzusetzen. Reinsperger und ihr Kollege Sebastian Wendelin erfreuen das Publikum eine Stunde lang mit kleinen improvisierten Tricks. Dennoch bringen sie Jarrys absurde Handlung voran: Die Ubus beschließen, den polnischen König vom Thron in den Tod zu stoßen. 

MUTTER UBU: Dabei könntest du auf deiner Birne die polnische Krone tragen!

VATER UBU: I versteh wirklich kein Wort!

MUTTER UBU: Du bist einfach zu dumm!

VATER UBU: Der König Wenzel lebt noch vergnügt, und selbst wenn der König Wenzel tot wäre, der hat doch unzählige Kinder!

MUTTER UBU: Ja, aber wer hindert dich denn, die ganze Familie zu massakrieren und dich an ihren Platz zu setzen?

Dass zu dem Königsmord schließlich ein Freiwilliger aus dem Publikum überlistet wird, ist eine witzige und nahbare Idee. Kurz darauf erklärt das neue Königspaar einzelne Zuschauende zu Adeligen, die der Usurpator Ubu „enthirnt“, also köpft. Ein anarchisches Schauspiel, das Jarrys Stil des Grand Guignol, also des grotesken Horrortheaters, unterhaltsam in die Gegenwart überträgt und gleichzeitig mühelos Referenzen auf Regierende wie Donald Trump zulässt. Wendelin und Reinsperger sind ein unschlagbares Comedy-Duo, dem man gern zusieht. Da stört es auch gar nicht, dass über eine Stunde lang der Vorhang nicht aufgeht. Der ganze dreckige Spaß spielt sich bei zumindest schwachem Saallicht auf der Vorderbühne und unter den Leuten ab.

Weiterhören:

Kultur heute
Moderation: Anja Reinhardt
Samstag, 17. Oktober 2026, 17:30 Uhr

"König Ubu" - Stefanie Reinsperger in Alfred Jarrys Klassiker an der Wiener Burg
Deutschlandfunk
In Autor, Sprecher Tags Theater, Kritik, Deutschlandfunk, Burgtheater, Wien

EIN TRAURIGES, FURCHTERREGENDES SPIEL – Interview mit Artem Tschech auf buchkultur.net

October 15, 2026 Martin Pesl

Artem Tschech © Danylo Pavlov

Am liebsten würde er über die Liebe schreiben. Aber Artem Tschech ist Ukrainer, er kämpft sogar als Soldat für die Freiheit seines Landes. Es bleibt ihm also nicht viel anderes übrig, als über den Krieg zu schreiben.

Mit »Nullpunkt« und Frontberichten in deutschen Zeitungen erlangte der 1985 geborene Tschech auch in unseren Breiten Bekanntheit. Sein neues Buch »Musik für einen Soldaten«, vom Verlag Klett-Cotta als Roman gelabelt, ordnet er selbst als Sonderfall ein.

Buchkultur: Herr Tschech, der englische Titel ihres neuen Buches »Musik für einen Soldaten« lautet »Dress Up Game«, eine wörtliche Übersetzung aus dem Ukrainischen. Das bedeutet so etwas wie »Anziehspiel«. Was hat es damit auf sich?

Artem Tschech: Den gleichen Titel habe ich auch einer Kolumne für eine ukrainische Publikation im Sommer 2021 gegeben. Darin beschrieb ich, wie ich einige Jahre nach meinem Militäreinsatz 2015/16 die Uniform aus meinem Seesack wieder anprobiert und mich gefragt habe, ob ich sie je wieder regelmäßig tragen würde. Bald darauf stellte sich heraus: ja. Dass ich diese Soldatenuniform im Laufe meines Lebens immer wieder an- und ausziehen würde, kommt mir wie ein Spiel vor. Ein trauriges, furchterregendes Spiel, das unmöglich zu gewinnen ist. Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt, einer davon trägt den Titel »Musik für einen Soldaten«, und ich hatte diesen Titel auch für die ukrainische Ausgabe in Erwägung gezogen. Warum genau der deutschsprachige Verlag das ganze Buch dann so genannt hat, können die dort sicher besser erklären.

Auf Deutsch wird das Buch als Roman vermarktet, also als fiktionales Werk, dabei liest es sich wie eine sehr persönliche Schilderung. Was davon trifft zu, und ist es Ihre Absicht, die Leser/innen in dieser Hinsicht ein bisschen im Dunkeln tappen zu lassen?

Es ist Autofiktion, also meiner Meinung nach zu künstlerisch, um zu 100 % als dokumentarische Prosa durchzugehen. Ich selbst würde das Buch aber auch nie als Sachbuch bezeichnen. In meinen Augen ist es ein hochliterarischer Text, so geschrieben und komponiert, dass die Leser/innen an seine fiktionale Struktur glauben. In der Ukraine erscheint derzeit sehr viel dokumentarische Prosa: Tagebücher, Reportagen und Essays. Ich wollte ein bisschen weg von der herkömmlichen Lesart (und »Schreibart«) dieses Krieges. Ist in diesem Buch irgendetwas erfunden? Nein. Ist es dokumentarisch? Keineswegs.

In den letzten 20 Jahren haben Sie fast jedes Jahr ein Buch veröffentlicht, einige davon während ihres Militärdienstes. Wie schaffen Sie dieses beeindruckende Pensum – nicht zuletzt, da ihr neues Buch unter anderem davon handelt, wie Sie an der Front eben nicht zum Schreiben kommen?

Wenn ich in einer Kampfeinheit bein – derzeit bin ich in Kyjiw stationiert –, schreibe ich nichts als höchstens Kolumnen für diverse Medien. Der gesamte kreative Prozess findet ausschließlich während meiner Freigänge statt. Wenn Sie die Zahl der Bücher und die Zeit, die ich zum Schreiben gebraucht habe, analysieren, kommt gar nicht so viel heraus. Seit 2015 habe ich vier belletristische (und zwei autofiktionale) Werke geschrieben. Ist das viel für einen Autor, der eine große Schreibenergie in sich spürt? Während des Krieges habe ich bisher nur einen einzigen Roman vollendet – er erscheint dieses Jahr im September. Alles andere ist hauptsächlich altes Material, dem ich einen Feinschliff verpasst habe. Ich würde wirklich gerne mehr schreiben. Es gibt so viel, worüber es sich zu schreiben lohnt. Aber keine Zeit.

Weiterlesen …

In Autor Tags Literatur, Interview, Buchkultur, Krieg, Ukraine

BETWEEN THE RIVER AND THE SEA – Interview mit Isabella Sedlak und Yousef Sweid

October 13, 2026 Martin Pesl

Martin Thomas Pesl: Yousef, du erzählst in „Between the River and the Sea“, dass du auf der Bühne nicht gerne über dich selbst sprichst. Wann hast du entschieden, es doch zu tun?

Yousef Sweid: Darauf gibt es zwei politische Antworten und eine private. Na ja, eigentlich sind alle sowohl politisch als auch privat. Nummer eins: Mein Sohn, ein Teenager, hat angefangen zu fragen, was eigentlich los ist in der Welt. Er wollte, dass ich zu ihm in die Schule komme, wo alle zwar über Russland und die Ukraine reden würde, aber niemand über Palästina und Israel. Ich bin nicht hingegangen – noch nicht –, aber, Nummer zwei, Isabella hier, die die Angewohnheit hat, mich mit schwierigen Fragen zu konfrontieren, meinte: „Aber wenn du hingingest, was würdest du dort sagen?“ Außerdem stand eine Veranstaltung in Genf zugunsten der Hamas-Geiseln nach dem 7. Oktober an, bei der ich auftreten sollte. Ich wollte aber keine traurigen palästinensischen Geschichten erzählen und auch nicht über den Krieg reden, sondern was Lustiges machen. Was ist lustig? Mein Leben, ein bisschen. Also machte ich eine Art Stand-up darüber, dass ich als Araber mit Jüdinnen verheiratet war und gerne Sex mit dem Feind habe. Die Leute haben es geliebt. Schließlich war da noch die Scheidung von meiner zweiten Frau, und ich habe Isabella, die meine beste Freundin ist, die Ohren vollgejammert. Sie schlug vor, das Beste draus zu machen: ein Stück. Außerdem brauchte ich das Geld.

Isabella Sedlak: Wir boten das Stück dem Maxim Gorki Theater an, wo ich lange Regieassistentin war und Yousef im Ensemble. Überraschenderweise gaben sie uns einen Platz in der laufenden Saison. Aber dann hattest du auch noch diese Drehtage in der Schweiz, wo du einen Marokkaner im Schnee gespielt hast. Also bin ich da hingereist, und wir haben in deinem Hotelzimmer gemeinsam an „Between the River and the Sea“ geschrieben.

Sweid: Damals gab es dieses „dritte Narrativ“, wie wir es nennen, kaum. Der Diskurs war sehr gespalten. Mittlerweile höre ich diese Stimmen immer öfter.

Pesl: Die „Between“-Stimmen?

Sedlak: Ja! Das kann aber auch daran liegen, dass wir das Stück gemacht haben. Vielleicht haben wir sie dadurch öfter auf dem Radar. Nach einer Vorstellung sprach uns eine Frau an, die in Kanada für eine Initiative arbeitet, die arabische und jüdische Künstler:innen zusammenbringt. Sie hat uns auf einen Podcast hingewiesen, den die beiden Gruppen zusammen gestalten, und so weiter.

Pesl: Das Stück hatte im April 2025 Premiere. Habt ihr es seitdem angesichts von Veränderungen der Weltlage stark verändert?

Sedlak: Die Premiere war noch die mildeste Variante. Yousef kennt die verschiedenen Debatten sehr genau und weiß: Wenn wir dieses Wort verwenden, stoßen wir diese Gruppe vor den Kopf, mit jener Wendung jene andere Gruppe. Es gab ein sehr aktives Finetuning, um zu erreichen, dass eine Mehrheit der Leute eine Stunde durchhält, ohne auszuflippen, rauszugehen oder innere Barrieren hochzufahren und den Mann auf der Bühne zum Gegner zu erklären.

Weiterlesen im Katalog von BOW Production

„Between the River and the Sea“ ist ab 19. Oktober 2026 an der Schaubühne Berlin zu sehen.

In Autor Tags BOW, Interview, Theater, Krieg

VON FALSCHEN VÖGELN – Romanrezension in der Bücherbeilage zum Falter 41/26

October 8, 2026 Martin Pesl

Mit „Amseln“ legt Anna Baar ein rätselhaftes Werk um eine unzuverlässige Erzählerin und selbsternannte Nymphomanin vor

Elda Vera. Einen eigentümlichen Namen hat Anna Baar der Protagonistin ihres neuen Romans verliehen: der Nachname ein Vorname, der Vorname vermutlich eine Erfindung. Beim verzweifelten Versuch, das Werk zu durchschauen, drängt sich daher die Idee auf, die Buchstaben umzustellen, um auf einen möglichen versteckten Hinweis zu stoßen. Die Methode legt auch die Autorin selbst nahe, mittels eines gegen Ende gelüfteten Plot-Twists, den zu verraten wahrlich unfair wäre.

Die Anwendung der Anagramm-Methode führt bisher jedoch zu unbefriedigenden Ergebnissen: Larve adé? Ave Adler! Letztere lateinische Begrüßung eines deutschen Vogels schließt immerhin den Kreis zum Buchtitel: „Amseln“ halte Elda Vera gefangen, erklärt sie eingangs kryptisch, zudem hocke eine weitere Amsel oft auf ihrem Fenstersims. An anderer Stelle kommt ganz nebenbei der Verzehr von Kalbsvögerln zur Sprache, und die sind ja, wie in Österreich hinlänglich bekannt, eben keine Vögel. Hm ...

Nein, auf diese Weise löst sich kein Knoten, eher platzt der Schädel. Der Roman präsentiert sich wie ein raffiniertes Vexierspiel, vielleicht muss man sich aber auch damit abfinden, dass er gar keines sein will. Das Vorwort allerdings nährt das Missverständnis: Jede Verantwortung Anna Baars für das zu Lesende wird in einer Fußnote augenzwinkernd zurückgewiesen. Die Schriftstellerin habe nur eine Wette verloren und müsse deshalb nun ihren Namen für die vorliegende Publikation zur Verfügung stellen. Der eigentliche Herausgeber, „gezwungen, einstweilen anonym zu bleiben“, habe eines Tages diverse Schriftstücke der Frau in einem verschlüsselten Koffer vor der Tür liegen gehabt. Nun stelle er die Papiere für die Öffentlichkeit in einer lesbaren Form zusammen.

Weiterlesen in der Bücherbeilage zum Falter 41/26

In Autor Tags Falter, Literatur, Rezension, Österreich, Tier
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