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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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DOCH NOCH SCHWEIN GEHABT IN SALZBURG – Doppelkritik von den Salzburger Festspielen im Falter 34/26

August 19, 2026 Martin Pesl

© Ole Lagerpusch (links) und André Szymanski SF/Armin Smailovic

Bei den Salzburger Festspielen bringt das Schauspielprogramm zwei Großereignisse: ein erwartetes und eine Überraschung

Es konnte nur besser werden, und es wurde viel besser. Für den manierierten „Faust“ und die prätentiösen Uraufführung des neuen Textes von Peter Handke entschädigten die letzten Premieren des Schauspielprogramms bei den Salzburger Festspielen vollends. In beiden Fällen durften Regieteams ans Werk, die Lust am Experiment hatten.

Im Falle von „Unter Tieren“ erfolgte das Spektakel mit Ansage. Das angeblich letzte Theaterstück der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek handelt von Tieren, die mit Begriffen rund um Geld und Wirtschaft hantieren. Regisseur Nicolas Stemann erklärte im Vorfeld, er werde mit Band und siebenköpfigem Ensemble eine knapp vierstündige „Textumsetzungsmaschine“ auffahren. Einen Teil inszeniere eine KI, und vielleicht käme eine Live-Schaltung zum Milliardär Peter Thiel zustande.

Ein gelungener Witz, der auf den Skandal bei den heurigen Wiener Festwochen anspielte und mediale Aufmerksamkeit erzeugte. Thiel war natürlich nicht wirklich eingeladen, dafür gab eine bewusst schlechte KI-Animation seines Konterfeis ein Interview und rezitierte ein paar Zeilen Jelinek. Darüber hinaus ist „Unter Tieren“ das Happening geworden, als das es angekündigt wurde. Kaum ein künstlerisches Mittel wird gescheut, um den wortspielfreudigen Jelinek-Text zu feiern, aber auch zu fordern.

Weiterlesen im Falter 34/26

In Autor Tags Falter, Theater, Kritik, Festival, Salzburg

FAZIT – KULTUR VOM TAGE – Kritik von den Salzburger Festspielen auf Deutschlandfunk Kultur

August 16, 2026 Martin Pesl

© SF/Arno Declair

Auftrag

Kritik der Premiere „Unter Tieren“ im Gespräch mit Eckhard Roelcke

Auftraggeber

Deutschlandfunk Kultur

Projektinfo

Die Wege des Geldes sind unergründlich. Für manche führen sie zielstrebig bergauf, für andere erweisen sie sich als Sackgasse oder als Pfad in Richtung Prekariat. Alternative Routen existieren anscheinend nicht: Geld regiert die Welt und uns und unser Leben und deshalb bleibt ihm Elfriede Jelinek als Chronistin und Kassandra hartnäckig und folgerichtig auf den Fersen – und manchmal ist sie ihm auch ein paar entscheidende Schritte voraus.

Jelineks jüngstes Drama Unter Tieren holt weit aus und zielt dabei treffgenau in die Untiefen unserer verlogenen und ideell ausgehöhlten Gesellschaftswelt. Von der Bibel bis zu René Benko wird nichts ausgelassen: Es geht um unstillbare Raffgier, um phrasendreschende Politiker und Wirtschaftsbosse, um geheuchelte Systemkritik und um Begriffe wie soziale Gerechtigkeit oder Chancengleichheit, die mittlerweile nur noch Worthülsen zu sein scheinen. Es geht um menschliche Käuflichkeit und um unverschämte, skrupellose Korruption. Und natürlich um eine scheinbar nicht kleinzukriegende Rüstungs­industrie, um Kriege, um Geld verschlingende, mörderische Kriege.

Wir leben in einer trotz ihrer Dysfunktionalität erstaunlich resilienten Wirtschafts- und Finanzwelt, die immer mehr auf den Hund kommt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Elfriede Jelinek die unendliche Geschichte des Mammons aus der Sicht von Tieren erzählt. Immer verständnisloser, dafür mit wachsendem Sarkasmus quieken, muhen, gurren und brummen hier Bären, Kühe, Schweine, Tauben, das Lamm Gottes oder auch der „Für und Widder“ und erzählen uns Menschen von „Notaren, die nichts notieren, Wirtschaftsprüfern, die nichts prüfen, Anwälten, die nicht walten, Wandelanleihen, die nicht wandeln, und Zinsen für laufende Kredite, die nicht rechtzeitig davongelaufen sind“.

Unter Tieren ist ein Stück darüber, wie wir konsequent an unserem selbstverschuldeten Unglück arbeiten. Wir weigern uns, unsere Lektion zu lernen und rasen wider besseres Wissen sehenden Auges in die Apokalypse des Kapitalismus. Denn klar ist in Unter Tieren: Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es nicht richten.

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die im Jahr 2026 ihren 80. Geburtstag begeht, beweist mit diesem Stück erneut, dass sie die bedeutendste deutschsprachige Dramatikerin ist. Ihre künstlerische und politische Radikalität hat die Theaterlandschaft für immer revolutioniert. Es gibt nur wenige Regisseur·innen, mit denen sie so kontinuierlich und erfolgreich gearbeitet hat wie mit Nicolas Stemann – und so zeichnet dieser nun auch für die Urauf­führung von Unter Tieren verantwortlich.

Fazit – Kultur vom Tage
Moderation: Eckhard Roelcke
Sonntag, 16. August 2026, 23:05 Uhr, Deutschlandfunk Kultur

Nicolas Stemann inszeniert in Salzburg Jelineks "Unter Tieren"
Deutschlandradio Kultur
In Sprecher Tags Theater, Kritik, Festival, Burgtheater, Salzburg, Jelinek, Tier

UND ALLE NUR SO YEAH – Kritik von den Salzburger Festspielen für Die deutsche Bühne

August 16, 2026 Martin Pesl

© SF/Armin Smailovic

Die Salzburger Festspiele bringen Molières „Der Menschenfeind“ als Koproduktion mit dem Thalia Theater auf die Bühne. Regisseurin Jette Steckel hält dabei viele ausgefallene Überraschungen für das Publikum bereit.

In Hamburg werden sie das wahrscheinlich alles ganz normal finden. Doch die Premiere von „Der Menschenfeind“, einer Koproduktion mit dem Thalia Theater, fand bei den Salzburger Festspielen statt. Und da fetzt es schon eine Spur mehr, wenn schick aufgeputztes Publikum, eine gediegene Molière-Komödie aus 1666 erwartend, erst mal in ein so lautes wie erlesenes Rap-Konzert gerät, Teil I des Triptychons, als das Regisseurin Jette Steckel ihren Abend ankündigt.

Noch vor dem offiziellen Start der Aufführung startet der Schauspieler Ole Lagerpusch in die erste Nummer, geschrieben vom Hamburger Allrounder UWE, inspiriert von den Themen des Stückes und begleitet von Live-Musiker Matthias Jakisic. „Sie spielen wieder Molière / Und alle nur so yeah“, geht einer der denkwürdigen Reime, ein anderer: „Reicher weißer Mann, du lernst es nie / Das Leben ist zu kurz für Longevity“.

Lagerpusch rockt diese erhabene erste Viertelstunde in seiner Rolle als Dichter Oronte, dessen Verskünste später vom Titel-Antihelden Alceste verschmäht werden. Das Beste daran: Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters ist eine Tribüne für knapp 200 Leute aufgebaut, zwei Publikumsgruppen sitzen einander also gut beleuchtet gegenüber. Der Anblick verdatterter Festspiel-Society-Gesichter macht diesen Einstieg locker zum Highlight des österreichischen Theaterjahres.

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In Autor Tags Kritik, Theater, Die deutsche Bühne, Salzburg, Festival

SIE GEHEN UND GEHEN, DABEI GEHT ES UM NICHTS – Doppelkritik von den Salzburger Festspielen im Falter 32/26

August 5, 2026 Martin Pesl

 © SF/Jörg Brüggemann

Die ersten Schauspielpremieren der Salzburger Festspiele bringen große Namen, aber wenig Substanz. Die Rechnung geht trotzdem auf

Auf dem Papier ist das Schauspielprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele ein Triumph. Markus Hinterhäuser versammelte, beraten von seiner späteren Nachfolgerin Karin Bergmann, prominente Namen auf der Bühne, bewährte Regiekräfte ohne Furcht vor der großen Form und Uraufführungen beider lebender österreichischer Literaturnobelpreisträger. Dafür, dass das Sprechtheater in Salzburg vor kurzem noch von der Abschaffung bedroht schien: Sensationell!

Die ersten zwei Neuproduktionen offenbaren das Kalkül hinter dieser Programmierung: Glänzt nur genügend Renommee auf der Verpackung, wird sich schon niemand trauen, den Inhalt kritisch zu hinterfragen. Ulrich Rasche wendet auf „Faust I“ seine übliche Regie-Masche an, Autor Peter Handke überlässt einen inkohärenten Gedankenstrom seinen Fans zur Veredelung.

Johann Wolfgang von Goethe schuf mit „Faust“ den deutschen Klassiker schlechthin. Der erste Teil (1808) wird nach wie vor rauf und runter gespielt. Mit der Story vom Gelehrten, der einen Pakt mit dem teuflischen Mephistopheles schließt, um das junge Gretchen ins Bett zu kriegen, können viele etwas anfangen.

Für Salzburg hat Regisseur und Bühnenbildner Rasche eine neue Textfassung erstellt, die sich auf Faust, Mephisto und Gretchen konzentriert, Ersteren gibt es dafür auch in jung. Diese Ökonomie begründet Rasche im Programmheft damit, dass alle Figuren eigentlich Abspaltungen Fausts seien. So ganz erschließt sich diese Lesart aus seiner Inszenierung nicht. Die wird durch die Textstraffung nicht etwa kurz, da Rasches Ensemble wie üblich jedes Wort mit großem Druck und zwischen langen Pausen hervorpressen muss.

Befürworter dieses Stils entdecken dadurch Neues in alten Texten. Andere sehen die Bedeutung zwischen den Zeilen davonrinnen. Bekannte Zitate wie „Da steh ich nun, ich armer Tor“ möchte man reinrufen, damit was weitergeht. Im Widerspruch zur vermeintlich konsequenten Reduktion steht außerdem ein Miniauftritt von Gretchens Bruder nach etwa drei Stunden.

Weiterlesen im Falter 32/26

In Autor Tags Falter, Salzburg, Festival, Kritik, Theater
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