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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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FAZIT – KULTUR VOM TAGE – Live-Kritik von den Wiener Festwochen auf Deutschlandfunk Kultur

June 18, 2026 Martin Pesl

Gob Squad © Christine Fenzl

Auftrag

Kritik zur Premiere „Doppelgänger/Doppelganger“ im Gespräch mit Marietta Schwarz

Auftraggeber

Deutschlandfunk Kultur

Projektinfo

“No one makes themselves. (...) We all make and unmake one another.”
Naomi Klein – Doppelganger

Wo fangen wir an? Im wahrsten Sinne des Wortes: Wo fangen wir und das, was wir als „uns“ betrachten, was du als „dich“ betrachtest, – wo fängt das an?

Doppelgänger/Doppelganger ist eine performative Reise in die verschlungenen Tiefen und Abgründe einer Spiegelwelt, wo das, was wir glauben zu sein – einzigartig und unverwechselbar – sich zu vervielfältigen beginnt. In dieser Welt der Verdopplungen und Projektionen, des Vergessens und Erinnerns und der ewigen Selbstbeschwörung stecken die Performer:innen von Gob Squad in einer endlos scheinenden Party fest.
Aber niemand scheint noch zu wissen, was es eigentlich zu feiern gibt. Hatte nicht jemand Geburtstag? Es gibt Kuchen und Luftballons und alles wird mit der Kamera festgehalten: Jemand hat ein Foto gemacht! Und darauf sehen wir doch aus, als hätten wir eine gute Zeit…

Gefangen in dieser Party-Schleife suchen Gob Squad schließlich im Publikum nach Gründen zu feiern. Und nach möglichen Doppelgänger:innen, um sich selbst zu erweitern, zu konfrontieren, vollständig auszuschalten oder sich aufzulösen in Vielen. Der Tanz mit dem Selbst beginnt. Aber wer führt hier wen, und durch wessen Geschichte? Was spricht durch wen und wie viele? Und wer entscheidet überhaupt, was als Nächstes geschieht?

Die Geburtstagsgesellschaft kippt in eine surreale Vision voller unerwarteter Wendungen, in der verschiedene Identitäten und Stimmen unerbittlich darum kämpfen gehört zu werden und uns die geteilte Verantwortung für etwas, das mehr ist als wir selbst, als utopisches Déjà-vu begegnet.


Fazit – Kultur vom Tage
Moderation: Marietta Schwarz
Donnerstag, 18. Juni 2026, 23:05 Uhr, Deutschlandfunk Kultur

"Doppelgänger/Doppelganger": Neues Stück von Performance-Kollektiv Gob Squad
Deutschlandradio Kultur
In Sprecher Tags Performance, Wien, Wiener Festwochen, Festival, Deutschlandfunk Kultur, Kritik

DAS LEXIKON DER GEHIRNWÄSCHE – Nachtkritik von den Sommerspielen Melk

June 18, 2026 Martin Pesl

Isabella Knöll © Daniela Matejschek

Lose an George Orwell orientiert ist die packende Diktaturerzählung "Das Ministerium der Wahrheit" von Jérôme Junod. Alexander Hauer, Chef der Sommerspiele Melk, eröffnet mit ihr seinen Festivalsommer. Eine eisige Brise Wortkunst weht durch den Stiftort.

18. Juni 2026. Altsprech und Neusprech, Ozeanien oder Ostasien – die Begrifflichkeiten hat Jérôme Junod direkt George Orwells Literaturklassiker "1984" entnommen. Auch "Das Ministerium der Wahrheit", das seinem neuen Stück den Titel leiht, bot schon bei Orwell Arbeit im autoritär regierten Überwachungsstaat.

Dennoch bringt Junod nicht den Roman auf die Bühne. Seine Figuren heißen Nora, Wenzel, Severin, und ihr Neusprech ist ein recht umgangssprachliches Österreichisch ("Passt schon") mit grammatischen Vereinfachungen: "Erster" und "dritter Kanal" heißen "einster und dreister".

Am Fuß von Stift Melk

Der Schweizer Junod ist zwar auch Regisseur (und nebenbei Leiter eines neuen Studiengangs "Stage Narration" an der Uni Krems). Dennoch hat für diesen Abend nach einer dreijährigen Regiepause der Chef der Sommerspiele Melk wieder selbst das Ruder übernommen: Alexander Hauer. Ob er wohl gemeint ist mit "dem Erzintendanten", Junods Variation auf Orwells Big Brother? Es würde ihm womöglich schmeicheln; Hauer leitet die Sommerspiele Melk seit 2013.

Das Konzept ist jeden Sommer ähnlich: Bekannte Autor:innen erhalten Stückaufträge zu großen, oft historischen oder mythologischen Themen. Abwechselnd steht in der Wachauarena mit Blick aufs imposante Stift Melk eine thematisch irgendwie dazu passende Musikrevue auf dem Programm. Sie ist dem puren Entertainment verschrieben (diesmal mit Hits der Eighties!), während das Schauspiel, wenngleich höchst variabel im Zuschnitt, regelmäßig zu den inhaltlich anspruchsvollsten Programmpunkten des bunten niederösterreichischen Festspielsommers gehört – und diesen mit einer Premiere Mitte Juni meist auch eröffnet.

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In Autor Tags Nachtkritik, Theater, Festival, Niederösterreich

NIEMAND STIRBT SCHÖNER – Nachtkritik von den Wiener Festwochen

June 12, 2026 Martin Pesl

© Ximena y Sergio

Die Regisseurin Angélica Liddell ist fasziniert vom Tod und insbesondere vom Suizid. Ihre neue Arbeit "Seppuku" widmet sie dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima und seinem spektakulären Lebensende.

12. Juni 2026. Japan toll finden, das geht leicht. Insofern hält sich die Originalität in Grenzen, aus der eigenen Besessenheit von der für uns fernst-östlichen aller Kulturen Theater zu machen. Es sei denn, man ist Angélica Liddell. Denn die spanische Performancekünstlerin hat sich von allem Japanischen das Abgründigste ausgesucht, um davon besessen zu sein: Seppuku, auch bekannt als Harakiri, verleiht ihrer neuesten Arbeit den Titel.

Eros und Thanatos

Und es stimmt ja auch: Niemand umarmt den Tod schöner, grausamer, dramatischer als die alten Japaner. Die Anleitung dazu liest anfangs der Performer und Nō-Schauspieler Kazan Tachimoto mit tiefer Stimme und geradezu grotesker Erregung vor. Sie stammt von Yukio Mishima, einem Tokioter Autor (1925–1970), mit dem Liddell die Lust zu sterben teilt – und Lust ist durchaus erotisch gemeint. 1970 nahm sich der Schriftsteller 46-jährig auf genau die Art das Leben, die er immer angekündigt und erträumt hatte.

In einem Bühnenbild aus Elementen eines japanischen Schreins schildert Liddell über den Abend verteilt, was sie alles mit Mishima verbindet. Das Publikum sieht etwa Fotos davon, wie sie 2010 ihre eigene Erhängung vorbereitete, nackt, nur mit einer Unterhose im Kniebereich. Schon in ihrer ersten Performance im Alter von 25 Jahren, berichtet Liddells Stimme vom Band, kam eine Selbstmörderin "à la japonaise" vor, obwohl sie damals mit dem Œuvre Mishimas noch gar nicht vertraut war. Als dieser 1966 seinen Selbstmord in einem Kurzspielfilm thematisierte, befand sich sein Superfan noch im Mutterleib.

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In Autor Tags Theater, Kritik, Nachtkritik, Japan, Wiener Festwochen, Festival

WIEDERGELESEN: ES GIBT NUR DEN KRIEG – Klassikerrezension in der Buchkultur 226

June 11, 2026 Martin Pesl

Ingeborg Bachmann und ihr Genresprenger von einem Roman: Vor 100 Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren. Aufg’legt, dass Suhrkamp ihren einzigen vollständigen Roman „Malina“ neu auflegt. Wie macht er sich bei der Wiederlektüre?

Pink wie der „Barbie“-Film: Das Cover der Zentenariumsedition von Ingeborg Bachmanns „Malina“ behauptet einen positiven Feminismus, an dem sich auch Greta Gerwig versuchte, als sie die langbeinige Mattel-Puppe vor drei Jahren höchst erfolgreich zum Leben erweckte. Im Sommer 2023 konkurrierte ihr Werk mit Christopher Nolans „Oppenheimer“ medienwirksam um Platz eins an den Kassen. Ironischerweise ist das Schwarz-Weiß-Epos über den Vater der Atombombe im Grundton Bachmann um einiges näher.

„Es gibt nicht Krieg und Frieden, es gibt nur den Krieg“, zitiert Elfriede Jelinek sie in ihrem Nachwort der Suhrkamp-Neuausgabe. Die heutige Literaturnobelpreisträgerin hat es zwar schon 1983 verfasst, zehn Jahre nach Bachmanns Tod, im Auftrag des MagazinsSpiegel. Dort bezahlte man sie für ihren Text, druckte ihn aber nicht. Die Redaktion hatte sich wohl Bachmann-Bashing erwartet, Jelinek jedoch – die wieder eine knappe Dekade danach das Drehbuch zu Werner Schroeters „Malina“-Verfilmung schreiben sollte – pries ihre tote Kollegin und Landsfrau und verteidigte sie gegen männliche Übermachtfantasien. Vielleicht rechtfertigt diese Schwesternschaft ja wieder die pinken Buchdeckel.

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In Autor Tags Rezension, Literatur, Buchkultur, Österreich, Jubiläum
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