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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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FREUD! MEIN SCHWARZER TEUFEL – Interview mit Gioia Osthoff und Devid Striesow im Katalog von BOW Production

August 19, 2026 Martin Pesl

© Nils Schwarz

Martin Thomas Pesl: Wie habt ihr einander kennengelernt und seid auf die Idee gekommen, diese Briefe zusammen zu lesen?

Gioia Osthoff: Ich war auf der Suche nach einer spannenden Vater-Tochter-Beziehung, ein Thema das mich persönlich gerade bewegt. Als mir der Briefwechsel zwischen Sigmund und Anna Freud in die Hände fiel, hat mich dieser Stoff sofort gefesselt. Anna Freud, eine große Persönlichkeit, die so oft hinter diesem großen Vater verschwindet. Ich fragte mich: wie ist es eigentlich, wenn man die Tochter Sigmund Freuds ist? So fing ich an zu recherchieren und verbrachte viele Stunden im Sigmund Freud Museum in Wien. Ihr Weg als Pionierin ist wahnsinnig spannend, einerseits die totale Emanzipation und andererseits ist ihr Weg doch nicht ohne diesen Übervater zu denken. Mit dem Fokus auf diese Beziehung machte ich dann die Fassung zu unserem Abend und ich freue mich sehr, dass ich Devid dafür begeistern konnte.

Pesl: Das heißt, Devid, du warst von Anfang an mit einem bestimmten Rollenverständnis von Sigmund Freud konfrontiert, da Gioia die Fassung gemacht hat. Wie nimmst du ihn wahr?

Devid Striesow: Er ist eine sehr ambivalente Figur, das macht den Reiz dieser Texte aus. Erst letzten Herbst habe ich eine Vater-Tochter-Geschichte abgedreht: „Vaterland“. In diesem Film macht Erika Mann mit Thomas Mann eine fiktive Reise, da wird auch über Exil und aber eben auch eine Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Das ist natürlich nicht so tiefgründig wie die Briefe von Freud, aber das Thema war für mich bereits mehrere Wochen lang präsent gewesen. Und dann kam Gioia halt um die Ecke mit diesem Freud-Thema! Davon abgesehen liebe ich diese Vorlesesituation. Ein oder zwei Menschen treten vor viele andere Menschen und lesen ihnen etwas vor. Diese vielen Menschen sind gekommen, weil sie wissen, da wird ihnen etwas vorgelesen. Das erzeugt eine ganz besondere Stimmung, eine Spannung. Und ich finde, dieses Sujet Freud hat das Zeug dazu, die Leute zum Nachdenken anzuregen und eine tolle Geschichte zu erzählen. Wie gesagt, diese Figur ist von einer großen Ambivalenz geprägt. Reisen, Heimatlosigkeit, Exil, Umbrüche in der Gesellschaft, Verlust – diese Themen machen den Stoff für mich wahnsinnig aktuell und spannend.

Weiterlesen im Katalog von BOW Production (Juni 2026)

In Autor Tags Interview, Lesung, BOW

DOCH NOCH SCHWEIN GEHABT IN SALZBURG – Doppelkritik von den Salzburger Festspielen im Falter 34/26

August 19, 2026 Martin Pesl

© Ole Lagerpusch (links) und André Szymanski SF/Armin Smailovic

Bei den Salzburger Festspielen bringt das Schauspielprogramm zwei Großereignisse: ein erwartetes und eine Überraschung

Es konnte nur besser werden, und es wurde viel besser. Für den manierierten „Faust“ und die prätentiösen Uraufführung des neuen Textes von Peter Handke entschädigten die letzten Premieren des Schauspielprogramms bei den Salzburger Festspielen vollends. In beiden Fällen durften Regieteams ans Werk, die Lust am Experiment hatten.

Im Falle von „Unter Tieren“ erfolgte das Spektakel mit Ansage. Das angeblich letzte Theaterstück der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek handelt von Tieren, die mit Begriffen rund um Geld und Wirtschaft hantieren. Regisseur Nicolas Stemann erklärte im Vorfeld, er werde mit Band und siebenköpfigem Ensemble eine knapp vierstündige „Textumsetzungsmaschine“ auffahren. Einen Teil inszeniere eine KI, und vielleicht käme eine Live-Schaltung zum Milliardär Peter Thiel zustande.

Ein gelungener Witz, der auf den Skandal bei den heurigen Wiener Festwochen anspielte und mediale Aufmerksamkeit erzeugte. Thiel war natürlich nicht wirklich eingeladen, dafür gab eine bewusst schlechte KI-Animation seines Konterfeis ein Interview und rezitierte ein paar Zeilen Jelinek. Darüber hinaus ist „Unter Tieren“ das Happening geworden, als das es angekündigt wurde. Kaum ein künstlerisches Mittel wird gescheut, um den wortspielfreudigen Jelinek-Text zu feiern, aber auch zu fordern.

Weiterlesen im Falter 34/26

In Autor Tags Falter, Theater, Kritik, Festival, Salzburg

UND ALLE NUR SO YEAH – Kritik von den Salzburger Festspielen für Die deutsche Bühne

August 16, 2026 Martin Pesl

© SF/Armin Smailovic

Die Salzburger Festspiele bringen Molières „Der Menschenfeind“ als Koproduktion mit dem Thalia Theater auf die Bühne. Regisseurin Jette Steckel hält dabei viele ausgefallene Überraschungen für das Publikum bereit.

In Hamburg werden sie das wahrscheinlich alles ganz normal finden. Doch die Premiere von „Der Menschenfeind“, einer Koproduktion mit dem Thalia Theater, fand bei den Salzburger Festspielen statt. Und da fetzt es schon eine Spur mehr, wenn schick aufgeputztes Publikum, eine gediegene Molière-Komödie aus 1666 erwartend, erst mal in ein so lautes wie erlesenes Rap-Konzert gerät, Teil I des Triptychons, als das Regisseurin Jette Steckel ihren Abend ankündigt.

Noch vor dem offiziellen Start der Aufführung startet der Schauspieler Ole Lagerpusch in die erste Nummer, geschrieben vom Hamburger Allrounder UWE, inspiriert von den Themen des Stückes und begleitet von Live-Musiker Matthias Jakisic. „Sie spielen wieder Molière / Und alle nur so yeah“, geht einer der denkwürdigen Reime, ein anderer: „Reicher weißer Mann, du lernst es nie / Das Leben ist zu kurz für Longevity“.

Lagerpusch rockt diese erhabene erste Viertelstunde in seiner Rolle als Dichter Oronte, dessen Verskünste später vom Titel-Antihelden Alceste verschmäht werden. Das Beste daran: Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters ist eine Tribüne für knapp 200 Leute aufgebaut, zwei Publikumsgruppen sitzen einander also gut beleuchtet gegenüber. Der Anblick verdatterter Festspiel-Society-Gesichter macht diesen Einstieg locker zum Highlight des österreichischen Theaterjahres.

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In Autor Tags Kritik, Theater, Die deutsche Bühne, Salzburg, Festival

BEFREIUNGSSCHLAG AUF EX – Nachtkritik von den Bregenzer Festspielen

August 13, 2026 Martin Pesl

© Dietmar Mathis

Natalie Baudy gewann im vergangenen Jahr den Preis der Österreichischen Theaterallianz. Jetzt wurde ihr Stück "under the influence" uraufgeführt. Im Zentrum stehen drei Nachbarinnen, die Hangover-gezeichnete Göttin Dionysa und eine Parabel gegen das Trinken, die eine überraschende Wendung nimmt.

13. August 2026. Im Loop spielt es "Bitch Habit" von April March, während das Publikum im Bregenzer Theater Kosmos eintröpfelt. Dazu läuft ein Videovorspann als Ersatz für die geradezu Tennessee-Williams-haft ausführliche Szenenbeschreibung, die Natalie Baudy ihrem Stück "under the influence" vorangestellt hat. Von drei Wohnungen im siebten Stock hat Regisseur und Bühnenbildner Josef Maria Krasanovsky nur Türrahmen und verflieste Ästhetik übriggelassen. Der graue Lichthof und die biblischen Plagen, die unablässig darauf niederregnen – Würmer, Insekten, Blut und was noch alles –, bleiben Abstraktionen in Dominika Kalchers filmischen Collagen.

Die Autorin, 1990 geboren, ist derzeit als Dramaturgin am Schauspiel Erlangen beschäftigt. Mit ihrem Stück "under the influence" gewann Natalie Baudy 2025 den Preis der Österreichischen Theaterallianz. Drei der sieben freien Mittelbühnen, die diesem Zusammenschluss angehören, koproduzieren nun die Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen, auch die anderen vier werden sie vermutlich früher oder später als Gastspiel zeigen.

Feiern was das Zeug hält

Motto des alle zwei Jahre ausgeschriebenen Wettbewerbs war "Tanz auf dem Vulkan – Feiern gegen den Abgrund", was erklärt, wie Dionysos in dieses Wohnhaus kommt, der Gott des Rausches, des Weins und des Überflusses – falsch: die Göttin, Tochter des Zeus (das mit dem Sohn war ein Übersetzungsfehler). Lisa Schrammel gibt sie wie den personifizierten Hangover, noch im kleinen Schwarzen, aber schon mit zerzauster Frisur und dunkler Brille. Dionysos ist hier Hausmeisterin und außerdem dafür verantwortlich, dass die drei Nachbarinnen Ems, Anja und Lieselott wegen der Plagen das Gebäude nicht verlassen. Zeit und Ort werden zu einer Einheitssuppe: Auf wessen Sofa sitzen sie eigentlich, und wie lange geht das alles schon?

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In Autor Tags Nachtkritik, Kritik, Theater, Festival, Vorarlberg
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