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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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SIE GEHEN UND GEHEN, DABEI GEHT ES UM NICHTS – Doppelkritik von den Salzburger Festspielen im Falter 32/26

August 5, 2026 Martin Pesl

 © SF/Jörg Brüggemann

Die ersten Schauspielpremieren der Salzburger Festspiele bringen große Namen, aber wenig Substanz. Die Rechnung geht trotzdem auf

Auf dem Papier ist das Schauspielprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele ein Triumph. Markus Hinterhäuser versammelte, beraten von seiner späteren Nachfolgerin Karin Bergmann, prominente Namen auf der Bühne, bewährte Regiekräfte ohne Furcht vor der großen Form und Uraufführungen beider lebender österreichischer Literaturnobelpreisträger. Dafür, dass das Sprechtheater in Salzburg vor kurzem noch von der Abschaffung bedroht schien: Sensationell!

Die ersten zwei Neuproduktionen offenbaren das Kalkül hinter dieser Programmierung: Glänzt nur genügend Renommee auf der Verpackung, wird sich schon niemand trauen, den Inhalt kritisch zu hinterfragen. Ulrich Rasche wendet auf „Faust I“ seine übliche Regie-Masche an, Autor Peter Handke überlässt einen inkohärenten Gedankenstrom seinen Fans zur Veredelung.

Johann Wolfgang von Goethe schuf mit „Faust“ den deutschen Klassiker schlechthin. Der erste Teil (1808) wird nach wie vor rauf und runter gespielt. Mit der Story vom Gelehrten, der einen Pakt mit dem teuflischen Mephistopheles schließt, um das junge Gretchen ins Bett zu kriegen, können viele etwas anfangen.

Für Salzburg hat Regisseur und Bühnenbildner Rasche eine neue Textfassung erstellt, die sich auf Faust, Mephisto und Gretchen konzentriert, Ersteren gibt es dafür auch in jung. Diese Ökonomie begründet Rasche im Programmheft damit, dass alle Figuren eigentlich Abspaltungen Fausts seien. So ganz erschließt sich diese Lesart aus seiner Inszenierung nicht. Die wird durch die Textstraffung nicht etwa kurz, da Rasches Ensemble wie üblich jedes Wort mit großem Druck und zwischen langen Pausen hervorpressen muss.

Befürworter dieses Stils entdecken dadurch Neues in alten Texten. Andere sehen die Bedeutung zwischen den Zeilen davonrinnen. Bekannte Zitate wie „Da steh ich nun, ich armer Tor“ möchte man reinrufen, damit was weitergeht. Im Widerspruch zur vermeintlich konsequenten Reduktion steht außerdem ein Miniauftritt von Gretchens Bruder nach etwa drei Stunden.

Weiterlesen im Falter 32/26

In Autor Tags Falter, Salzburg, Festival, Kritik, Theater

KULTUR HEUTE – Radiokritik von den Tiroler Volksschauspielen Telfs im Deutschlandfunk

July 31, 2026 Martin Pesl

© Marcella Ruiz Cruz

Musik zum Einstieg.

Das ist im Theater selten: dass das äußere Erscheinungsbild, der Spielort einer Aufführung so perfekt zum verhandelten Inhalt passt. Vor hundert Jahren ließen sich hier in Telfs deutschsprachige Menschen aus dem Süden Tirols nieder, der nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen worden war. Das letzte Haus dieser alten Südtiroler Siedlung in Telfs ist nun der Schauplatz einer spektakulären Aufführung mit etwa dreißig Mitspielenden. Gleich nach der letzten Vorstellung wird es abgerissen. Die Tiroler Volksschauspiele Telfs haben vor das letzte Haus eine Publikumstribüne gestellt: Die Fassade des Hauses ist schon entfernt worden, an ihre Stelle tritt die unsichtbare „vierte Wand“ des Theaters. Gezeigt wird unter dem Titel „Feuernacht“ eine Geschichte über den bis heute schwelenden Kulturkampf zwischen deutsch- und italienischsprachiger Bevölkerung in Südtirol.

Kathl: Geh, Seppi, nit scho wieder! Des bringt doch nix, Herrschaftszeiten!
Sepp: Es geht um die Freiheit.
Kahtl: I bin frei.
Sepp: Die lassen uns nit amal unsere Fahne aufhängen.
Kathl: I mag koane Fahnen. Alle Fahnen sind voller Bluat.
Zustimmung der anderen.

„Feuernacht“ basiert auf Felix Mitterers gründlich recherchierter Fernsehfilmreihe „Verkaufte Heimat“, die die Geschichte anhand der Familien Rabensteiner und Tschurtschentaler in den Sechzigerjahren erzählt. Die Vätergeneration, zum Teil auch die Söhne haben sich aktivistischen Gruppen angeschlossen, die mit Vandalenakten wie Sprengungen von Strommasten die internationale Aufmerksamkeit auf die Situation der Deutschsprachigen in Südtirol lenken sollen. Als bei einer Aktion jemand stirbt und die so genannten „Bumser“ immer mehr Nachahmer finden, eskaliert die Situation.

Weiterhören:

Kultur heute
Moderation: Jörg Biesler
Freitag, 31. Juli 2026, 17:35 Uhr, Deutschlandfunk

"Feuernacht" - Stück über Südtirol bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs
Deutschlandfunk
In Autor, Sprecher Tags Theater, Kritik, Deutschlandfunk, Festival, Tirol

SCHOTTEN IM SCHRANK – Romanrezension in der Buchkultur 226

July 29, 2026 Martin Pesl

Douglas Stuart legt mit „John of John“ ein wahrhaft herzzerreißendes Familienepos vor.

Wir schreiben die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Auf der Hebriden-Insel Harris sprechen viele noch Gälisch. Der Protestantismus hat die Bevölkerung fest in der Hand. John-Calum Macleod, kurz Cal, hat seinen Vater John und seine Großmutter Ella hier zurückgelassen, um auf einem Textilcollege bei Edinburgh zu studieren. Als ihm John im Zuge eines Telefonats – nach den üblichen gemeinsamen Gebeten – erklärt, es stehe schlecht um Ellas Gesundheit, kehrt Cal mit 22 nach Hause zurück (und weil er keinen Job findet).

Nun hüten die Menschen auf Harris aber nicht nur Schafe – und Webstühle –, sondern auch Geheimnisse. Hauptsächlich handelt es sich um eine einzige Sache, die Vater und Sohn einander partout vorenthalten:

Weiterlesen in der Buchkultur 226

AUF DER LONGLIST ZUM BOOKER PRIZE 2026

In Autor Tags Rezension, Literatur, Großbritannien, Buchkultur

JACK IS BACK ‒ Interview mit Johannes Krisch im BESSER September 2015

July 27, 2026 Martin Pesl
Johannes Krisch 
 

 

 
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Johannes Krisch © epa

Jack is back

Als Johannes Krisch Anfang der Neunziger als frisches Ensemblemitglied gerade mal eine Handvoll Stücke gespielt hatte und verfolgte, wie ein haftentlassener Mörder als Dichter von der Wiener Kulturszene hofiert wurde, hätte er nicht gedacht, dass dieser Mann in wenigen Jahren wegen neun Morden verurteilt und tot, er selbst jedoch auf dem Höhepunkt seiner Karriere sein und ebendiesen Unterweger in einem neuen Film verkörpern würde. „Jack“ von Elisabeth Scharang zeigt die glamouröse Seite des Häfnpoeten und Womanizers und wirft die Frage auf, ob der mythisch-mysteriöse Jack Unterweger all diese Prostituierten vielleicht gar nicht umgebracht hat. Johannes Krisch hält sich bedeckt, was die Frage aller Fragen betrifft.

War er’s? Ich werde den Teufel tun, diese Frage zu beantworten, weil es mir nicht zusteht. Als Schauspieler habe ich natürlich eine Entscheidung getroffen, sonst hätte ich ihn nicht spielen können, aber ich werde meine Figur nicht verraten.

Ist „Jack“ ein Film, den Jack gerne gesehen hätte? Das hoffe ich, und ich kann es mir auch vorstellen, weil es ein Film über ihn ist, und das hätte ihm sehr geschmeichelt. In jedem Detail.

Wie sehr waren Sie selbst Anfang der Neunziger Teil der Kulturszene, die Unterweger so umarmt hat? Gerade mal mit einem Theaterstück. Ich habe niemanden umarmt, sondern versucht, Fuß zu fassen. Aber über die Zeitungsgeschichten und „Club 2“ habe ich natürlich alles mitbekommen.

Könnte es eine so ambivalente Figur im heutigen Internetzeitalter noch geben? Das passiert immer wieder, heute sogar schneller als damals. Die Bereitschaft, jemanden sternschnuppenartig in die Höhe zu katapultieren, weil er einer Sache dient, das gibt es immer noch. Man fand ihn damals ja nur faszinierend, weil die Resozialisierung politisch so ein Thema war. Sonst hätte kein Hahn danach gekräht.

Er war also kein besonders guter Schriftsteller? Er hat sicher einiges geschrieben, was sehr berührend ist. Aber ich glaube nicht, dass man in 150 Jahren diese Gedichte vortragen wird. Das wird kein Klassiker.

In „Jack“ wird der extravagante, der Lifestyle-Unterweger gezeigt, als wäre er der Falco unter den Serienkillern. Er war sehr extravagant, weil er es genossen hat, so aufzutreten. Durch die lange Zeit im Gefängnis hatte er viel aufzuholen. Da greift man gerne ins Volle, besonders wenn man plötzlich die Taschen voller Geld hat. Und apropos Falco: Der zitiert ihn ja in seinem „Jeanny“-Video. Er tritt ganz in weiß auf, und die wenigsten wissen, dass damit der Unterweger gemeint ist.

Können Sie verstehen, dass die Frauen so auf ihn abgefahren sind? Ja, denn es waren ja nur gewisse Schichten von Frauen. Es liegt am Spiel mit dem Feuer, weil jemand gegenübersitzt, der eine Grenze überschritten hat, was für viele sehr anziehend ist. Und er war ein großer Frauenversteher, weil er praktiziert hat, was die wenigsten können: Er hat zugehört.

Haben Sie John Malkovich in „The Infernal Comedy“ gesehen? Ja, hat aber mit unserer Geschichte nichts zu tun. Außerdem schauen wir einander überhaupt nicht ähnlich.

Sie sehen ja auch beide Jack Unterweger nicht besonders ähnlich. Deshalb war mir umso wichtiger, ihn zu begreifen und wenigstens sein Wesen zu erfassen. Es war eine sehr intensive Vorbereitung, weil man eine sehr große Verantwortung übernimmt, wenn man eine Person spielt, die gelebt hat. Man muss versuchen, sich dem Menschen so stark wie möglich anzunähern und ihn so weit wie möglich anzuziehen, dass es passt. Ganz Österreich kannte ihn und ist mit ihm in einer Zelle gesessen. Jeder kannte ihn und hat mit ihm was erlebt. Deshalb hoffe ich auch, dass ganz Österreich reingeht.

Sie sind vor zwei Jahren krankheitsbedingt länger ausgefallen. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht? Ich habe mich gesundheitlich wieder auf die Höhe gebracht. Das war körperlich und psychisch Aufwand genug! Deshalb macht mir Film zurzeit auch sehr große Freude, weil es ökonomisch weniger anstrengend ist als Theater. Da probierst du am Vormittag volle Kanne und spielst am Abend volle Kanne, und dazwischen liegst du im Koma. Jedenfalls werde ich sicher nie wieder so ein Workaholic sein wie vor meiner Pause.

Homepage Thimfilm

In Autor Tags Film, Krisch, Literatur, BESSER
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