NITSCH ZU DANKEN – Nachtkritik von den Wiener Festwochen
Florentina Holzinger hat mit ihren Perfomerinnen den nächsten großen Aufschlag hingelegt: Auf Einladung der Witwe von Hermann Nitsch gastierte sie über Pfingsten unter anderem am früheren Spielort des Orgien Mysterien Theaters. "Pfingstspiel" ist ein neunstündiges Spektakel, das den Holzinger-Kanon nochmal verfeinert.
24. Mai 2026. Und natürlich sind wieder Leute umgekippt. Wie so oft bei den Arbeiten von Florentina Holzinger kann dies nicht mit Bestimmtheit der Heftigkeit ebenjener Arbeiten zugeschrieben werden. Es kann auch an der Hitze an diesem Pfingstsamstagnachmittag liegen. Die Sonne brannte herunter auf den Platz des Wiener Eislauf-Vereins, Schatten gab es keinen.
Hier, gleich neben Konzerthaus und Akademietheater, fahren die Einheimischen im Winter Schlittschuh. Gelegentlich steht auch ein Zirkuszelt auf dem weitläufigen Platz. Diesmal stieg hier der Auftakt zu einer einmaligen Aktion von Florentina Holzingers "Pfingstspiel" im Rahmen der Wiener Festwochen. Die in den Augen Vieler wichtigste Künstlerin der Gegenwart war kurz auf Heimatbesuch aus Venedig, wo sie mit dem österreichischen Biennale-Pavillon Aufregungen verschiedenster Art befeuert.
Verfeinerung des Kanons
Auf dem eisfreien Eislaufplatz gab es also: ein nacktes Orchester, das eine fast liebliche Komposition spielte; Bláthin Eckhardt, die die Fassade des angrenzenden Hotels Intercontinental hinunterspazierte, ein Zitat von Trisha Browns oft kopiertem "Man Walking Down the Side of the Building"; ein an Rückenpiercings hereingezogenes Auto; darauf turnend Holzinger mit durch beide Wangen gestochener Sprühkerze, während das Auto in einem Affentempo seitlich im Kreis fuhr.
Holzinger und ihr Trupp veranstalten solche "Etüden" öfter. Dabei geht es weniger darum, die eigenen künstlerischen Mittel weiterzuentwickeln, sondern sie zu verfeinern. Im Prinzip lässt sich das mit dem aktuellen "Star Wars"-Film "The Mandalorian and Grogu" vergleichen: Es passiert nichts Entscheidendes für den Kanon, aber die Fans dürfen ihre Lieblinge wiedersehen und freuen sich umso mehr auf den nächsten großen Aufschlag des Franchise.
KULTUR HEUTE – Radiokritik von den Wiener Festwochen im Deutschlandfunk
Von den vielen Objekten, mit denen Narcissister die Bühne für ihre Performance „Voyage Into Infinity“ vollgestellt hat, fällt eines beim Einlass am wenigsten auf: Erst, als die Show beginnt und ein Schweinwerfer das Vogelhäuschen am linken vorderen Bühnenrand anstrahlt, richten sich die Blicke des Publikums darauf. Und erleben gleich den ersten Trick! Nachdem eine als Alpenpüppchen im Dirndl gekleidete Performerin herausgeklettert ist, bleibt wundersamerweise immer noch Platz für einen Kerzenständer. Und für noch eine Person. Und noch eine. Ihre Gesichter sind alle von Masken bedeckt, die aufgemalten Augen stets offen, wie jene der US-amerikanischen Künstlerin Narcissister selbst – angeblich spielt sie an diesem Abend in Wien auch persönlich mit.
Diese drei Charaktere nun, von denen man nicht weiß, ob man sie niedlich oder gefährlich finden soll, streifen staunend durch einen Wald aus wie zufällig aufgestellten Konstrukten: Zahlreiche Eimer sind auszumachen, Bretter und Leitern, verschiedene Variationen von Schaukeln und eine Hebebühne. Und dann passiert es: Mit den Kerzenflammen zu nah an eine Schnur gekommen, brennt diese durch. Dadurch löst sich die Spannung an einer an der Decke hängenden Leiter – diese kippt nach links, bringt eine hölzerne Walze ins Rollen: Schließlich sprühen Funken, und es kommt zu einer kleinen Explosion.
Weiterhören:
Kultur heute
Moderation: Michael Köhler
Donnerstag, 21. Mai 2026, 17:35 Uhr, Deutschlandfunk
LANDKRANK IM MUSEUM – Nachtkritik von den Wiener Festwochen
19. Mai 2026. Schwarz geht es los, tiefschwarz. Den Raum regiert diese ehrfurchtgebietende Totalschwärze, wie sie im Theater nur möglich ist, wenn der Saaldienst die Notausgangsschilder bedeckt. Kurz nur, klar, aber es genügt, um eine Stimmung der Aufmerksamkeit zu kreieren.
Alice Diop wird sie eine gute Stunde lang halten, indem sie nichts anderes tut, als einen Text zu rezitieren. Sobald das Licht wieder auf den Schreibtisch scheint, dessen penible Ordentlichkeit, mit Lämpchen und kleingedruckter Fachliteratur, das Publikum der Wiener Festwochen schon während des Einlasses ins Schauspielhaus betrachten konnte, sitzt Diop dahinter und beginnt zu sprechen. Sie schlüpft dabei gewissermaßen in eine Rolle, jene der Autorin Robin Coste Lewis, die in Ich-Form von einer mentalen Schiffsreise berichtet.
