Martin Thomas Pesl: Wie habt ihr einander kennengelernt und seid auf die Idee gekommen, diese Briefe zusammen zu lesen?
Gioia Osthoff: Ich war auf der Suche nach einer spannenden Vater-Tochter-Beziehung, ein Thema das mich persönlich gerade bewegt. Als mir der Briefwechsel zwischen Sigmund und Anna Freud in die Hände fiel, hat mich dieser Stoff sofort gefesselt. Anna Freud, eine große Persönlichkeit, die so oft hinter diesem großen Vater verschwindet. Ich fragte mich: wie ist es eigentlich, wenn man die Tochter Sigmund Freuds ist? So fing ich an zu recherchieren und verbrachte viele Stunden im Sigmund Freud Museum in Wien. Ihr Weg als Pionierin ist wahnsinnig spannend, einerseits die totale Emanzipation und andererseits ist ihr Weg doch nicht ohne diesen Übervater zu denken. Mit dem Fokus auf diese Beziehung machte ich dann die Fassung zu unserem Abend und ich freue mich sehr, dass ich Devid dafür begeistern konnte.
Pesl: Das heißt, Devid, du warst von Anfang an mit einem bestimmten Rollenverständnis von Sigmund Freud konfrontiert, da Gioia die Fassung gemacht hat. Wie nimmst du ihn wahr?
Devid Striesow: Er ist eine sehr ambivalente Figur, das macht den Reiz dieser Texte aus. Erst letzten Herbst habe ich eine Vater-Tochter-Geschichte abgedreht: „Vaterland“. In diesem Film macht Erika Mann mit Thomas Mann eine fiktive Reise, da wird auch über Exil und aber eben auch eine Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Das ist natürlich nicht so tiefgründig wie die Briefe von Freud, aber das Thema war für mich bereits mehrere Wochen lang präsent gewesen. Und dann kam Gioia halt um die Ecke mit diesem Freud-Thema! Davon abgesehen liebe ich diese Vorlesesituation. Ein oder zwei Menschen treten vor viele andere Menschen und lesen ihnen etwas vor. Diese vielen Menschen sind gekommen, weil sie wissen, da wird ihnen etwas vorgelesen. Das erzeugt eine ganz besondere Stimmung, eine Spannung. Und ich finde, dieses Sujet Freud hat das Zeug dazu, die Leute zum Nachdenken anzuregen und eine tolle Geschichte zu erzählen. Wie gesagt, diese Figur ist von einer großen Ambivalenz geprägt. Reisen, Heimatlosigkeit, Exil, Umbrüche in der Gesellschaft, Verlust – diese Themen machen den Stoff für mich wahnsinnig aktuell und spannend.
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