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Martin Thomas Pesl – Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor

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BETWEEN THE RIVER AND THE SEA – Interview mit Isabella Sedlak und Yousef Sweid

October 13, 2026 Martin Pesl

Martin Thomas Pesl: Yousef, du erzählst in „Between the River and the Sea“, dass du auf der Bühne nicht gerne über dich selbst sprichst. Wann hast du entschieden, es doch zu tun?

Yousef Sweid: Darauf gibt es zwei politische Antworten und eine private. Na ja, eigentlich sind alle sowohl politisch als auch privat. Nummer eins: Mein Sohn, ein Teenager, hat angefangen zu fragen, was eigentlich los ist in der Welt. Er wollte, dass ich zu ihm in die Schule komme, wo alle zwar über Russland und die Ukraine reden würde, aber niemand über Palästina und Israel. Ich bin nicht hingegangen – noch nicht –, aber, Nummer zwei, Isabella hier, die die Angewohnheit hat, mich mit schwierigen Fragen zu konfrontieren, meinte: „Aber wenn du hingingest, was würdest du dort sagen?“ Außerdem stand eine Veranstaltung in Genf zugunsten der Hamas-Geiseln nach dem 7. Oktober an, bei der ich auftreten sollte. Ich wollte aber keine traurigen palästinensischen Geschichten erzählen und auch nicht über den Krieg reden, sondern was Lustiges machen. Was ist lustig? Mein Leben, ein bisschen. Also machte ich eine Art Stand-up darüber, dass ich als Araber mit Jüdinnen verheiratet war und gerne Sex mit dem Feind habe. Die Leute haben es geliebt. Schließlich war da noch die Scheidung von meiner zweiten Frau, und ich habe Isabella, die meine beste Freundin ist, die Ohren vollgejammert. Sie schlug vor, das Beste draus zu machen: ein Stück. Außerdem brauchte ich das Geld.

Isabella Sedlak: Wir boten das Stück dem Maxim Gorki Theater an, wo ich lange Regieassistentin war und Yousef im Ensemble. Überraschenderweise gaben sie uns einen Platz in der laufenden Saison. Aber dann hattest du auch noch diese Drehtage in der Schweiz, wo du einen Marokkaner im Schnee gespielt hast. Also bin ich da hingereist, und wir haben in deinem Hotelzimmer gemeinsam an „Between the River and the Sea“ geschrieben.

Sweid: Damals gab es dieses „dritte Narrativ“, wie wir es nennen, kaum. Der Diskurs war sehr gespalten. Mittlerweile höre ich diese Stimmen immer öfter.

Pesl: Die „Between“-Stimmen?

Sedlak: Ja! Das kann aber auch daran liegen, dass wir das Stück gemacht haben. Vielleicht haben wir sie dadurch öfter auf dem Radar. Nach einer Vorstellung sprach uns eine Frau an, die in Kanada für eine Initiative arbeitet, die arabische und jüdische Künstler:innen zusammenbringt. Sie hat uns auf einen Podcast hingewiesen, den die beiden Gruppen zusammen gestalten, und so weiter.

Pesl: Das Stück hatte im April 2025 Premiere. Habt ihr es seitdem angesichts von Veränderungen der Weltlage stark verändert?

Sedlak: Die Premiere war noch die mildeste Variante. Yousef kennt die verschiedenen Debatten sehr genau und weiß: Wenn wir dieses Wort verwenden, stoßen wir diese Gruppe vor den Kopf, mit jener Wendung jene andere Gruppe. Es gab ein sehr aktives Finetuning, um zu erreichen, dass eine Mehrheit der Leute eine Stunde durchhält, ohne auszuflippen, rauszugehen oder innere Barrieren hochzufahren und den Mann auf der Bühne zum Gegner zu erklären.

Weiterlesen im Katalog von BOW Production

„Between the River and the Sea“ ist ab 19. Oktober 2026 an der Schaubühne Berlin zu sehen.

In Autor Tags BOW, Interview, Theater, Krieg

VON FALSCHEN VÖGELN – Romanrezension in der Bücherbeilage zum Falter 41/26

October 8, 2026 Martin Pesl

Mit „Amseln“ legt Anna Baar ein rätselhaftes Werk um eine unzuverlässige Erzählerin und selbsternannte Nymphomanin vor

Elda Vera. Einen eigentümlichen Namen hat Anna Baar der Protagonistin ihres neuen Romans verliehen: der Nachname ein Vorname, der Vorname vermutlich eine Erfindung. Beim verzweifelten Versuch, das Werk zu durchschauen, drängt sich daher die Idee auf, die Buchstaben umzustellen, um auf einen möglichen versteckten Hinweis zu stoßen. Die Methode legt auch die Autorin selbst nahe, mittels eines gegen Ende gelüfteten Plot-Twists, den zu verraten wahrlich unfair wäre.

Die Anwendung der Anagramm-Methode führt bisher jedoch zu unbefriedigenden Ergebnissen: Larve adé? Ave Adler! Letztere lateinische Begrüßung eines deutschen Vogels schließt immerhin den Kreis zum Buchtitel: „Amseln“ halte Elda Vera gefangen, erklärt sie eingangs kryptisch, zudem hocke eine weitere Amsel oft auf ihrem Fenstersims. An anderer Stelle kommt ganz nebenbei der Verzehr von Kalbsvögerln zur Sprache, und die sind ja, wie in Österreich hinlänglich bekannt, eben keine Vögel. Hm ...

Nein, auf diese Weise löst sich kein Knoten, eher platzt der Schädel. Der Roman präsentiert sich wie ein raffiniertes Vexierspiel, vielleicht muss man sich aber auch damit abfinden, dass er gar keines sein will. Das Vorwort allerdings nährt das Missverständnis: Jede Verantwortung Anna Baars für das zu Lesende wird in einer Fußnote augenzwinkernd zurückgewiesen. Die Schriftstellerin habe nur eine Wette verloren und müsse deshalb nun ihren Namen für die vorliegende Publikation zur Verfügung stellen. Der eigentliche Herausgeber, „gezwungen, einstweilen anonym zu bleiben“, habe eines Tages diverse Schriftstücke der Frau in einem verschlüsselten Koffer vor der Tür liegen gehabt. Nun stelle er die Papiere für die Öffentlichkeit in einer lesbaren Form zusammen.

Weiterlesen in der Bücherbeilage zum Falter 41/26

In Autor Tags Falter, Literatur, Rezension, Österreich, Tier

WIEDERGELESEN: SCHAM MIT SCHARM – Klassikerrezension in der Buchkultur 228

October 3, 2026 Martin Pesl

Marlen Haushofer und ihr Krimi, der keiner ist: Endlich allein! Ein Ausruf, der sich Marlen Haushofer und einigen ihrer Protagonistinnen zuschreiben lässt. Und nun dank Neuausgabe auch ihrer Erzählung „Wir töten Stella“.

In den späten 1960ern wurde der Krimi revolutioniert: Bei „Columbo“ wusste das Publikum von der ersten Sekunde an, wer der Mörder war. Dennoch verfolgte es gebannt die Ermittlung. Marlen Haushofer starb 1970, die ersten Folgen der Fernsehserie mit Peter Falk könnte sie also theoretisch gesehen haben, nicht aber, bevor sie 1958 ihre Erzählung „Wir töten Stella“ herausbrachte.

Der Titel – ursprünglich sollte er noch drastischer „Wir morden Stella“ lauten – nimmt das ultimative „Columbo“-Prinzip vorweg. Wer’s war, verrät das erste Wort. Und doch muss man sehr genau lesen, um zu erkennen, was eigentlich passiert: Denn als die Ich-Erzählerin Anna an einem Wochenende ersehnter Einsamkeit endlich Zeit hat, das Geschehene zu Papier zu bringen, agiert sie zwar mit scharfer Beobachtung, aber auch ohne Leserschaft im Sinn – ähnlich wie ihre berühmtere Nachfolgerin, die Erzählerin von Haushofers fünf Jahre später erschienenem Roman „Die Wand“. Dass Annas Mann Richard also die Schülerin Stella, Tochter einer lebenslustigen Freundin und vorübergehender Hausgast der Familie, geschwängert und zur Abtreibung gezwungen, diese sich daraufhin ganz absichtlich vor einen fahrenden Lastwagen geschmissen hat, steht da in dieser Klarheit nicht. Solch literarisch verwertete Schamhaftigkeit macht den Text auch bei neuerlicher Lektüre so meisterhaft aufregend.

Weiterlesen in der Buchkultur 228

In Autor Tags Rezension, Buchkultur, Österreich, Literatur

DIE KINDER DER ANDEREN – Romanrezension in der Buchkultur 228

October 3, 2026 Martin Pesl

Vom queeren Mutter(un)glück erzählt ein Booker-nominierter katalanischer Roman.

Pedro Almodóvar sagt, er würde dieses Buch gern verfilmen. Das ist gut vorstellbar, aber auch sein Kollege David Cronenberg hätte womöglich seine Fantasien dazu: In „Boulder“ beschreibt die katalanische Schriftstellerin Eva Baltasar anschaulich und schonungslos den Körperhorror der Mutterschaft – allerdings den der indirekten. Die Ich-Erzählerin führt ein zügelloses Leben als Schiffsköchin, als sie Samsa kennenlernt und sich in sie verliebt. Die beiden ziehen zusammen nach Reykjavík, nehmen neue Jobs an und führen ein erfülltes Leben. Dann jedoch eröffnet Samsa ihrer Partnerin, die sie Boulder nennt (Samsa ist Geologin), sie wolle „mit ihr“ ein Kind. Boulder hat daran zwar keinerlei Interesse, willigt aber dennoch ein, sie bei dem Prozess der künstlichen Befruchtung, Schwangerschaft und Aufzucht des Kindes zu begleiten.

Weiterlesen in der Buchkultur 228

In Autor Tags Rezension, Buchkultur, Spanien
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