In Henrik Ibsens Drama ist das Wasser verseucht, die Wahrheit unbequem und der Bürgermeister ein Manipulator. Regisseurin Sapir Heller landet mit dem Stoff rasant in unserer TV-Talk-Gegenwart. Allerdings ist auf dem Weg dorthin auch etwas nicht ganz Unwesentliches abhanden gekommen.
Es wäre schon schade, wenn das Kurbad schließen müsste. Besonders wegen der Spa-Mäntel, die sehen echt schick und gemütlich aus. Carolin Hartmann hat einen an, als sie vor den geschlossenen Vorhang tritt. In einer launigen Persiflage auf den wohlbekannten „Wenn jemand vor der Vorstellung eine Ansage macht, ist das immer ein schlechtes Zeichen“-Topos gibt die Schauspielerin ein paar Infos zum Abend, schiebt aber die Warnung nach, nicht immer alles zu glauben.
Nun also, dann glauben wir eben nicht. Sapir Heller inszeniert im Münchner Volkstheater eine Farce über den Bedeutungsverlust der Wahrheit. Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ nutzt sie dafür als Ausgangspunkt, den sie aber, wie es scheint, schnellstmöglich hinter sich zu lassen versucht.
Bis zu einem gewissen Grad ist das verständlich: Der offenkundigen Aktualität des Dramas aus 1882 haftet bisweilen etwas Ermüdendes an. Mindestens seit der Erfindung des Begriffs „Fake News“, spätestens seit dem Aufwallen von Klimaschutz und -leugnung und allerspätestens seit Corona entfacht die Figur des Dr. Tomas Stockmann unser tief empfundenes Mitleid: Keime verunreinigen das Wasser im frisch eröffneten städtischen Kurbad, kein Zweifel, das hat Tomas im Chemielabor testen lassen, jetzt soll es in die Zeitung. Nur dreht sein Bruder Peter, der Bürgermeister, den Diskurs zum Thema geschickt so, als übertreibe Tomas in der böswilligen Absicht, die Gemeinde um ihre wertvollste Einkommensquelle zu bringen.
